Was sagten hinter mir die Vögel? Ich wusste es nicht. Ich war seit Stunden unterwegs in diesen Gassen, gepflastert und mit Schildern versehen. Die vielen Einbahnen, ich war nur mehr noch im Kreis unterwegs. Fühlte sich an wie Loop. Aber nicht vergessen, was einem das antut.
Ich hätte von Anfang an nicht so darauf los gehen sollen. Am Anfang, als ich die Türklinke niedergedrückt hatte, die war gegen mich gerichtet. Damals war es noch warm, war geheizt gewesen und wenn ich Butter aufgetragen hätte, sie hätte sich wie von selbst verteilt. Stell sich einer vor, ich trüge Butter auf, hier in den frostigen Anden, in den Alpen, am Alsergrund. Auf das Wetter ist immer Verlass, sagt man dort, wo ich herkomme, aufgewachsen bin und noch immer aufwachse. Es verlässt einen nicht. Ist nichts, ist immer noch Wetter.
Ein wenig später und ich war bei der Türe angekommen. Gleich den Kopf hingehalten zum Lauschen. Ich verbrannte mir die Schläfen, denn es war heiß, was ich hörte. Und ich sah mich, mich zurück bewegend, die Stufen rückwärts hinunter gehend, durch den Hof, unter den Fenstern, sah die hinausgelehnten alten Frauen, fast hinausgestülpt, als übe von innen jemand Druck aus. Aber da war es schon wieder später, später noch als vorher.
Ich setzte mich auf eine leere Bank mit Lehne. Drei Kinder konnte ich von da aus sehen. Sie kletterten übereinander und schraubten aus einem Lampenschirm in der Mezzaninwohnung die Glühbirne heraus. Sie rannten davon, rannten davon wie Pferde ohne Reiter. Ich blickte hinab, wo Tauben fraßen. Ich blickte hinauf und wollte auffahren. Ich blickte hinauf wie ein Pferd mit Reiter.
Franz unterwegs
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Loop
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Kai
Franz ging hinüber zu seiner Freundin. Horch mir zu, das war nicht so gemeint. Als wüsstest du es nicht besser. Sie führte einen kleinen Hund an der Leine. Franz sah, wie sie ihre schwarze Kappe zurechtrückte. Später, sagte er sich, werde ich mich wieder auf der anderen Straßenseite in den Verkehr der Fußgänger einordnen.
Sie blickte auf das offene Wasser. Möwen flogen. Einer hupte. Wo warst du, bevor du hierher kamst? Franz balancierte auf der Bordsteinkante und verlor das Gleichgewicht. Achtung, der Verkehr! Sie lächelte und griff ihm ins Gesicht. Dabei bekam sie den unruhigen Hund zwischen die Beine. Jetzt blickten sie gemeinsam auf das offene Wasser und er nahm ihre Hand, mit der Leine darin, in seine. -
Fund
Als der Hund sich entschloss, spazieren zu gehen, stimmte ich zu und begleitete ihn. Ich war den ganzen Tag herumgelegen und wie es oft ist, hatten sich meine Augen gegen jeden Versuch zu lesen oder sonst wie Verwendung für sie zu finden gewehrt. Ich hatte stattdessen an die Vollendung des Tages gedacht und dahingedöst.
Jedenfalls, wir gingen dann aus dem Haus, ich vergaß auch die Leine nicht, und wir begannen unsere Runde. Sie sollte uns in etwa einer Stunde zurück nach Hause führen. Und natürlich tat sie das auch. Wir kehrten nach einer Stunde heim und hatten wenig zu erzählen. Ja, der Hund gab etwas von sich, doch das interessierte niemanden.
Das bedeutet aber keineswegs, dass wir nicht um einiges klüger wurden bei unserem Ausflug, uns der eigenen Vergänglichkeit bewusstwurden und das fanden, wozu wir aufgebrochen waren: eine gänzlich neue Sicht auf unser Leben und eine Weltanschauung, nach deren strengen Regeln wir die folgenden Tage bestritten.
Am Abend legte ich noch einiges Holz ins Feuer, denn wir wollten uns aufwärmen, nach dieser kalten Stunde. -
Im Wald
An einem Frühlingstag saß ich im Wald. Die Wipfel bewegten sich über mir wie betrunkene Riesen. Ich dachte an dich. Damals hatten wir an einer ähnlichen Stelle gesessen. Wo du die Hand hingelegt hattest, diese Stelle vergaß ich nicht.
Als ich aufblickte, sah ich ein Reh vor mir. Was hinderte es daran wegzulaufen? Nur ein Schuss konnte es an seiner Flucht hindern. Doch ich könnte es dazu bewegen. Ich starrte hin und das Reh starrte in den Wald.
Langsam ging es an mir vorbei, näherte sich dem Jägerstand und ging auch daran vorbei. Ein Schuss fiel. Ich sprang auf und lief, das Reh lief, ein zweiter Schuss fiel. Nach einer Weile blieb ich stehen, wunderte mich über mich und spazierte langsam wieder zu meinem Sitzplatz zurück. Als mir der Jäger auf seiner Suche nach den toten Tieren begegnete, riss er den Mund auf, um Grüß Dich zu sagen. -
Das Haus im Nadelwald
Franz war aufs Land gefahren, um das Haus seiner Tante zu hüten. Das Haus stand in einem Nadelwald. Am Tag mähte er den Rasen. Am Tag kehrte er die Fußböden, wusch ab, am Tag schlief er in der Sonne ein. Am Abend stand er vor der Haustüre und rauchte. Ein Falter flog um ihn herum. Er flog wie verrückt und stürzte ihm ins Gesicht. Franz musste entscheiden, ob er weiterrauchen oder ins Haus verschwinden sollte. Denn beides war ihm von seiner Tante verboten worden, beides war ihm erlaubt worden, aber beides zur selben Zeit war verboten. Der Falter traf ihn noch einmal auf der Stirne, da ging er ins Haus und schloss die Türe ab. Franz stand im dunklen Vorzimmer und hörte, wie der Falter an der Türe und am Glas der Lampe anschlug. Er wurde nun selbst unruhig. Er ging hin und her und sprach mit sich ein paar Worte. Dann verkroch er sich ins Bett. Die Bettdecke war in den Farben blau und weiß kariert. Sein Traum war erotisch wie nie. Am nächsten Morgen musste Franz niesen. Viel Staub lag auf den Möbeln im Haus seiner Tante.
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Busfahrt
Der Bus fuhr und ich ging. Vorbei an den Schlafenden und an denen, die versuchten zu schlafen. Ich ging und ging und ich ging immer weiter und dann entleerte ich mich tief in Gedanken. Das Klo befand sich direkt über den Rädern.
Man ist sehr alleine im Bus, dachte ich. Man ist immer über den Rädern. Man ist auch sehr klein im Bus. Als Zugreisender ist man größer, vor allem gegenüber der vorbeiziehenden Landschaft. Aber auch von schräg oben betrachtet, in die Fenster des Zuges hineinblickend, erscheint der Zugreisende größer, edel dahingleitend, den Kopf an der Lehne rastend. Der Busreisende ruckelt vorwärts. Doch man ist auch im Zug sehr alleine. Niemand spricht mit einem. Der im Flugzeug reist, ist erhaben. Doch auch mit ihm spricht niemand. Der im Schiff reist, ist meist verloren. Wer weiß, ob er ankommt? Niemand wird es je erfahren. Der Busreisende aber kann sowohl abstürzen, als auch untergehen. Der Bus mit den Busreisenden muss sofort weichen, wenn ein Flugzeug zur Notlandung sinkt. Ist der Bus einmal auf einer Fähre und in Richtung hoher See, gibt es kein zurück mehr. Einmal ausgestiegen, ist der Busreisende immer in Verlegenheit, doch das ist beim Fluggast nicht anders. Schau ihn einer an, angekommen in der Ankunftshalle.
Die Zeit verging und ich saß. Als ich wieder stand, sah ich Augen glänzen. Ich unterhielt mich mit der Person, die diese Augen geöffnet hielt. Wir sprachen vom Reisen, vom Daheimbleiben, vom Schlafen und Wachsein sowie vom aus dem Fenster Schauen. Wir schauten, jeder für sich, aus dem Fenster. Was sich hier alles an Lichtern und Spiegelungen zeigt während einer Nacht! Schau jetzt nicht träumend hinaus, sagte ich mir, und schau dir nicht in diesen Spiegelungen in die eigenen Augen! Schau in ihre Augen, solange sie ins Fenster schaut. Ich schaute in ihre Augen und ihre Augen schlossen sich. Ich wusste nicht mehr, wo ich war. Langsam tastete ich mich zurück zu meinem Sitzplatz.
Als ich wieder saß, rann es mir aus der Nase. Während jeder Busfahrt kommt Luft aus versteckten Spalten. Luft, die an den kältesten Orten entlang der Route aufgesammelt wird. Deshalb würde es warm sein, egal, wo ich ausstieg. So dachte ich und so saß ich und so aß ich, was geronnen kam. -
Tuchlauben
Franz war auf der Tuchlauben unterwegs. Es regnete. Er musste fast weinen, weil ihn der Name Tuchlauben so bewegte und weil er sehr alleine war. Er ging zügig dafür, dass er sich gebremst fühlte. Franz blieb vor einem Spielzeuggeschäft stehen. Er dachte an den kleinen Garten, wo er als Kind gespielt hatte und überlegte, ob er damals einsam gewesen war. Ein kleines Kind auf einer Grünfläche, nur von ein paar Gegenständen umgeben, die ihm seine Welt gestalten.
Ein paar Blasmusikanten tanzten an und Franz folgte ihnen. Sie hielten ihre Instrumente gegen den Himmel, als sie spielten. Es regnete in die Instrumente, es regnete auf die Musikanten und sie zerrannen. Sie waren zu kurz hier gewesen, dachte Franz. Sie haben es nicht einmal um die Ecke geschafft, wo noch mehr Zuhörer gewartet hätten. Franz rief jemanden an und legte plötzlich auf. Dann rief er denselben noch einmal an und niemand hob ab. Dann rief er jemand anderen an, der abhob und sogleich auflegte. Franz bog wieder auf die Tuchlauben ab. Er drehte sich um, denn es läutete vom Stephansdom. Es läutete herab, wie es herabregnete. -
Die Firma
Weshalb sie mich hier sitzen lässt, meine Chefin? Weshalb sie mich hier vor ihrer Firma sitzen lässt, weiß ich nicht. Ich kündigte in einer ruhigen Minute. Ruhig sah ich sie an. Sind Sie sicher, fragte sie.
Weil diese Firma an einem schönen Ort gebaut wurde, sitze ich auch heute noch gerne an diesem Ort, auf einer Bank im Schatten eines Baumes. Ich sitze dort und sehe hin und wieder meine Chefin vorbeigehen. Nicke ich, nickt sie nicht. Geht sie weiter, bleibe ich sitzen. Einmal bemerkte ich, gerade aufgewacht, wie einige Mitarbeiter vor dem Eingang der Firma warteten. Betriebsausflug, flüsterte ich. Doch sie gingen, einige miteinander sprechend, einige in sich gekehrt, langsam ins Gebäude hinein. Niemand weiß, was dort vorgeht, dachte ich, und auch ich bin längst niemand. -
Der Einkauf
Hebe den Kopf wie ein Reiter, sagte sich Franz. Franz ging am Gehsteig und hinter seinem Rücken gab er sich die Hände. Mit der Langsamkeit eines heruntergleitenden Autofensters überlegte er, was zu tun war. Aha! sagte er plötzlich, denn nun wusste er, es war Zeit einkaufen zu gehen. Er änderte die Richtung. Im Geschäft angekommen, pfiff er ein Lied, sammelte Gemüse, Fleisch, Milch, Kaugummi und Semmeln. An der Kassa musste er lange warten. Während er wartete, traf ihn ein Kinderwagen in den Kniekehlen. Franz sank leicht zusammen. Jemand entschuldigte sich bei ihm. Zurück am Gehsteig schmolz ihm das Herz vor Traurigkeit. Traurig bin ich jetzt, sagte er sich. Ich möchte nicht sterben, sagte er sich, auch mit Anlass nicht.
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Parkbank I
Leer saß ich auf einer Parkbank, eine leere Parkbank unter mir. Bin ich hier schon gesessen? Ja, die Weiden waren mir vertraut, auch der Mistkübel mit den Parolen. Aber der Hund, der gerade vorbeiging, war mir unbekannt. Ich ging ihm nach, um sicherzugehen. Sein Besitzer starrte mich an. Der Hund blieb stehen und roch im Gebüsch. Der Regen fiel. Der Besitzer musste mich erkannt haben. Er grüßte kurz und ging mit dem Hund voran fort.
Schön ist so ein Hund, dachte ich, als ich wieder auf die Parkbank niedersank. Schön und wild.