Das Schönste, was ich je gesehen hab? Hmm…schlechte Frage. Aber vielleicht der alte Mann gerade, in grauem Anzug, mit getönter Brille, spitzem Schuhwerk und roter Kappe. Saß auf einer Parkbank und strich sich langsam Butter auf eine Scheibe Weißbrot. Dann aß er noch langsamer, als er gestrichen hatte. Kaute nicht nur so langsam, als hätte er keine Zähne mehr, was möglich ist, sondern auch so, als wäre es sein letztes Butterbrot überhaupt, was auch möglich ist. Vor allem aber verschwand er spurlos, während ich das notierte. Besser kann man sich nicht vorstellen.
Von Athen nach Wien (Skizzen)
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Von allen Fähren verlassen
Ich bin gekommen, um den Fähren nachzusehen. Aber kein Nacheifern. Sitze hier unter den Wartenden und unter den Sandlern. Es hat etwa 40 Grad und die Wartehäuschen haben sehr schmale Dächer. In den schmalen Schatten versuchen wir unsere Köpfe unterzukriegen. Ich warte mit. Wenn sie wüssten, dass ich nie einsteigen werde. Niemals! Es riecht stark nach Urin. Ich trinke eiskaltes Cola.
Erstaunlich wie ruhig die Wartenden bleiben. Die Sandler dösen. Ich bin beeindruckt und bedrückt von den riesigen Schiffen, wie sie in den Hafen einfahren. Wenn sie andocken, zieht es mir alles zusammen vor Angst. Wie schwere Ochsen, die zur Schlachtung wanken. Grob sind diese Fähren, denke ich, und zart obendrein. Welch zartes Deck. Zermürbt kehren sie von der offenen See heim. Völlig desillusioniert. Was auch sonst? Vielleicht eine Spur Stolz vorne am Bug. Sehr wesentlich jedenfalls. Und wenn sie ihren Bauch öffnen, sodass eine Rampe entsteht. Wie kann man ruhig bleiben, wenn Menschen und Automobile darin verschwinden? Wer treibt sie an? Wer hat ein Auge zugedrückt, dass so reibungslos verladen werden kann? Kalt wird mir, wenn der schwarze Rauch aufsteigt.
Die Gelassenheit dieser jungen Leute am Imbiss-Stand. Die auch noch den Magen besitzen, hier zu jausnen. Doch ich trage dunkle Sonnenbrillen und schaue nirgends zu lange hin. Wie könnte ich bei der Vielzahl an Ungeheuerlichkeiten. Aber nicht zu schnell urteilen. Auch ich war einmal auf einer Fähre, auch ich war verwegen gewesen. Fuhr hinaus in das offene Wasser. Auf Deck blickte ich finster gegen das verschwindende Land. Als ich wieder festen Boden betrat, musste ich laut stöhnen vor Befriedigung. Jemand klopfte mir auf die Schulter. Walfänger wirst du keiner mehr, sagte er, glaube ich. So geht es einem, wenn man nichts versteht.
Ich muss den Kopf wieder wenden. Oh, die Kreuzdampfer-Riesen liegen im Hafen wie in einem zu kurzen Bett. Der Hafen, die Hapfn. Ich kann mich nicht nähern, aber ich möchte mit einem Gucker in die Kajüten gucken. Darin sind wohl keine Seebären, sondern Betuchte in beigem Gewand. Sie schauen aus ihren Kajüten. Die zukünftigen Passagiere schauen auf die Fähre. Ein Paar hält die Handflächen aneinander. Bald werden sie an der Reling stehen, im Wind. Wie ruhig sie das lässt. Zerbrechlicher war ich noch nie. Furchtbar nur die Vorstellung überzusetzen. Da bin ich ganz bei den Möwen und ihrer Leidenschaft zur Küste.
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Die Einkehr
Nach einer herzhaften Wendung ging ich zum Café zurück, an dem ich gerade vorbeigegangen war. Langsam ließ ich mich nieder. Währenddessen nahm ich den Hut ab, klopfte ihn gegen den Sessel und setzte ihn wieder auf. Als ich saß, wischte ich mir den Schweiß vom Gesicht. Ich bestellte einen Kaffee. Während ich „Kaffee“ sagte, zuckte mein Fuß, sodass die Sandale zu Boden glitt. Eine Ameise fing sie auf. Doch als ich wieder hineinschlüpfte starb sie unter der Last des Fußes. In diesem Moment wollte auch ich nicht mehr leben und am Nebentisch fiel eine Entscheidung. Der Gast ging und kam nicht wieder. Als der Kaffee vor mir stand, nahm ich die Tasse, setzte sie am Mund an und der Kaffee rann hinab durch meinen Hals.
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Malerisch und ich
Zur Erholung meines Körpers betrat ich den Park. Ergriffen sah ich mich um. Der Mann, der mich angetippt hatte, trug eine Kamera um den Hals, eine Umhängesonnenbrille um den Hals, eine Umhängetasche, eine Uhr um den Hals, einen Kompass um den Hals sowie einen Umhängebeutel um die Schultern. Alles hing an ihm. Ich wollte daran ziehen, doch ich horchte, was er zu sagen hatte. Er sei auf der Suche nach dem Parlament. Immer geradeaus, sagte ich, nur um dann scharf rechts einzubiegen, nur um daraufhin wieder geradeaus zu gehen. Ich verließ den Mann und fing fast zu weinen an. Ein Paar ruhte auf einer Bank, Blümlein dahinter sowie seitlich schöne blühende Büsche. Wie von einem Maler arrangiert ruhte alles in diesem Bild. Er saß still da, mit dem Arm auf der Lehne. Sie lag mit dem Kopf auf seinem Schoß, ihr Fuß baumelnd. Beide schienen fast zu viel richtig zu machen. Doch gerade das nässte mir die Augen, schließlich wird es auch wieder bergab gehen. Ich ging auf sie zu und wollte sie angreifen, doch ihre Müdigkeit kam mir entgegen wie ein Wind und ich bog ab. Nach vier weiteren Abbiegungen hatte ich sie erneut vor mir. Ich kroch auf dem Boden von hinten auf die Bank zu, richtete mich auf und griff zuerst ihm und dann ihr über die Lehne ins Gesicht. Die Frau biss mir in die Hand, weshalb ich aufjaulte, begriff und fortging.
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Abendstimmung
Wie viel, beständig, rhythmisch und rücksichtslos sie singen die Zikaden. Sie waren vorher da. Anders das Pferd im Schatten des Olivenbaums. She is going Kastanien nuts. Die Augen wie Kastanien in den halb offenen Höhlen, drehen sich. Das Pferd steht im Gesang der Zikaden wie ein Star. Es scheißt einen Haufen auf seinen Standpunkt. Bremsen tummeln sich, Oliven reifen heran. Wenn es Abend wird, ziehen sich die Bremsen in die Büsche zurück. Das Pferd starrt auf den Olivenbaum. Sein Schweif dreht sich im Kreis, wird von einem Wind gehoben und senkt sich wieder.
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War ich jemals auf einer Insel?
Auf einer Insel zu leben, umgeben von einem See, in den man vor lauter Gift nicht eintunken darf. Hat davon schon jemand gehört? Ach, ich weiß auch nicht. Wie ein Witz. Dieses grüne Wasser verhindert ganz das Idyll. Waren es byzantinische Klöster, die ich hier fand, voller prächtiger Bildgeschichten. Ja, genau! Ich weiß noch, die alten Steinwege unter den Platanen. Wenn ich es sagen müsste, Salbei, denke ich gedieh am Wegesrand. Doch weder die Gemäuer noch die Pflanzen vertrugen sich mit diesem See. Alles schrie nach Blau zum Himmel. Aber ich bleibe dabei, grün lag dieser See. Doch wie konnte ich übersetzen vom Festland? Von der Fähre keine Spur gesehen. Ein leichter Sommerregen fiel, genau. Eigentlich recht schön. Im Dorf roch es nach gebratenem Fisch. Und der Wein wuchs gut an den Häuserwänden der Gaststätten. Wirklich schön war der Tag, den ich dort verbrachte. Nur schade, dass ich nichts von mir eintunken konnte in diesen See.
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Statt Tulln
In schwachen Momenten auf meiner Reise, von denen sie strotzt, sagen wir es bildreich, wie ein Brennnesselfeld vor Brennnesseln strotzt, denke ich mir: Sie wird eine schöne Jugenderinnerung werden, kann ich machen, was ich will. Aus 10 km Fußmarsch werden 20, aus Alpträumen Träume, aus Ängsten werden Abenteuer werden. Das sollte mich doch entspannen lassen. Doch zuallererst muss alles erlebt werden. Und zwar von mir persönlich. Meinen Plan, vier Wochen in Tulln zu verbringen, von dort aus zu fantasieren und in der Donau zu baden, habe ich nur aus einem Grund fallen gelassen. Wie konnte ich von Tulln ausländische Postkarten mit entsprechendem Stempel versenden? Bis heute weiß ich keine Antwort. Oh Tulln, Tulpe an der Donau.
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Ostersonntag
Kein Mensch vor der Markthalle. Vierzehn Tauben am Platz. Ein Ehepaar kommt vorbei, beide grau am Kopf. Soweit nicht ungewöhnlich. Aber. Die Sonne kommt heraus. Die Alten setzen sich auf eine Bank und reden nicht. Sie dreht sich kurz zu mir. Alt sind diese Menschen, denke ich mir. Kommt mir nicht zu nahe, denke ich mir. Ich schaue weg und lecke meine Lippen ab. Ich lege meinen Arm auf die Lehne, als ob da jemand säße. Jemand, der sich zurücklehnen würde und an meinem Arm rastete. Mein Arm ist lang und schwer. Ich hänge daran, ich zappele und ruhig liegt mein Arm auf der Lehne der Bank. Die Alte zeigt auf mich. Langsam tastet sich der Mann mit seinem Blick ihrem Arm entlang bis zu ihrer Fingerspitze und von dort springt er zu mir.
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Das Albanischwörterbuch
Das von Armin Hetzer (am Umschlag „Armir Hetzer“ geschrieben) 1990 herausgegebene Wörterbuch für „Shqip-Germanisht & Germanisht-Ship“ hat sich als unbrauchbar für den täglichen Gebrauch erwiesen. Hetzer verzichtet nicht nur auf alltagstaugliche Phrasen wie „Guten Tag“, „Gut geschmeckt“ oder „Hallo“, er lässt auch Wörter wie „köstlich“, „warmherzig“ oder „Penis“ außen vor. Freuen darf sich der Benutzer beim Nachschlagen von „Weib“, „Wiederaufbau“ oder „Danzig“. Im Vorwort beteuert Hetzer, dass vor allem und abgesehen vom Grundwortschatz die „Fachterminologie der Sprachwissenschaft, des Buch- und Bibliothekswesen, sowie des Außenhandels“ Berücksichtigung gefunden hätten. Leise deutet der Autor eine gewisse Pionierleistung seines Werkes an. Unbestreitbar treffend ist die Wahl des hellen Blaus für den Umschlag. Es erinnert an das ionische Meer zur Mittagszeit. Ich freue mich, dass es dieses Buch gibt. Im Übrigen sind Recherchen zur Person Armin Hetzers in Planung.
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Der Weg aus Albanien
Frühmorgens heftig gefrühstückt. Die bigotte Frau mit dem gelähmten Mann, der perfektes Englisch spricht, hat mir Speck, Melanzani und Feigen aufgetischt. Sie organisierte ein Treffen um 7 Uhr früh mit einem Mann namens Andi, Manager einer Travel Agency. Er holt mich von der Wohnung in der Innenstadt von Shkodra ab. Er stellt sich als ein hilfsbereiter und arroganter Exilant heraus. Nach England ausgewandert, betreibt er im Sommer eine Reiseagentur und ein kleines Hostel in der Stadt. Es kämen jetzt langsam mehr Touristen, Leute wie ich. Wir spazieren zu einem kleinen Café in der neuen Fußgängerzone, Andi ständig am Telefon. Nach jedem Gespräch schimpft er über seine arbeitsscheuen und unorganisierten Landsleute. Vor acht Jahren war ich schon einmal in der Stadt. Sie hat sich wie viele Teile Albaniens sehr verändert. Es scheint Geld zu geben für Infrastrukturprojekte und Stadterneuerungen. Für Leute wie mich sind das schlechte Neuigkeiten. Ich bezahle Andi 20 Euro für die Fahrt nach Podgorica. Sonderpreis. Nach meinen Erkundungen geht es auf direktem Weg wirklich nicht billiger über die Grenze. Habe es eilig wegen des Anschlusszuges nach Beograd. Im Café telefoniert Andi, ich sitze gelangweilt daneben und denke nach, wie ich meine Leke loswerden könnte. Er sagt, ich muss sitzen bleiben. Abfahrt jederzeit. Andi verschwindet kurz um die Ecke, lässt sein Telefon zurück und kommt mit einer Art Fahrschein wieder. Wir müssen jetzt gehen. Bei einem kleinen Opel mit offenem Kofferraum bleibt er stehen. Ich hätte Glück, ich könne mit einem Privatauto reisen, lächelt er mich an. Der Bus sei leider voll. Er tauscht mit einem jungen Kerl ein paar Worte. Sie schlagen ein. Der andere erweist sich als mein Fahrer, arbeitet anscheinend in Montenegro. Wir fahren durch den Basar. Er versucht Leute für die Mitfahrt aufzutreiben. Bei einem Stand holt er einen riesigen, für ihn vorbereiteten Sack voller Fische. Für mich kauft er Zigaretten um meine verbleibenden Leke. Der Fahrer ist nervös. Er findet niemanden, der mitfahren möchte. Als wir aus der Stadt sind, sagt er „Bye-bye Albania!“ und lächelt mich an. Ich schaue wehmütig in die ungeheure Landschaft. Der Fahrer überholt wie wahnsinnig und wippt heftig mit dem rechten Fuß. Ein paar hundert Meter vor der Grenze bleibt er stehen. Er stellt sich ins Feld und pisst. Dann kommt er zurück, legt mir den Fischsack auf den Schoß, deutet mir an, ich solle ihn bei meinen Füßen verstecken. Bei der Passkontrolle spricht er künstlich gelassen und heiter auf die Polizisten ein. Ein Polizist setzt kurz meinen Sonnenhut auf. Ich bleibe unbeachtet. Nach der Grenze wird er etwas ruhiger, bleibt aber bei waghalsigen Überholmanövern. In der ersten montenegrinischen Stadt hält er an. Er verlangt den Fischsack und verschwindet damit in einem Laden. Wenig später sind wir in der Hauptstadt, Podgorica. Er beugt sich zu mir rüber, erst um meine Türe zu öffnen, dann gibt er mir die Hand. „Bus Station!“ Ich sage ein letztes Mal „Faleminderit“. Zu Mittag gehe ich in ein kleines Lokal und bestelle einen Karpfen, an dem ich über eine Stunde lang esse. Für die Fahrt nach Budapest kaufe ich ein Ticket für den Schlafwagen. Eingestiegen stellt sich heraus, dass es keinen Schlafwagen gibt. Ich verbringe die Fahrt im Gang neben einem angeleinten Schäferhund, der mich unentwegt anstarrt. Die Fenster sind geöffnet, es wir kalt in der Nacht. Der Hund schläft nicht. Höchste Zeit mit dem Reisen aufzuhören.