Der Weg aus Albanien

Frühmorgens heftig gefrühstückt. Die bigotte Frau mit dem gelähmten Mann, der perfektes Englisch spricht, hat mir Speck, Melanzani und Feigen aufgetischt. Sie organisierte ein Treffen um 7 Uhr früh mit einem Mann namens Andi, Manager einer Travel Agency. Er holt mich von der Wohnung in der Innenstadt von Shkodra ab. Er stellt sich als ein hilfsbereiter und arroganter Exilant heraus. Nach England ausgewandert, betreibt er im Sommer eine Reiseagentur und ein kleines Hostel in der Stadt. Es kämen jetzt langsam mehr Touristen, Leute wie ich. Wir spazieren zu einem kleinen Café in der neuen Fußgängerzone, Andi ständig am Telefon. Nach jedem Gespräch schimpft er über seine arbeitsscheuen und unorganisierten Landsleute. Vor acht Jahren war ich schon einmal in der Stadt. Sie hat sich wie viele Teile Albaniens sehr verändert. Es scheint Geld zu geben für Infrastrukturprojekte und Stadterneuerungen. Für Leute wie mich sind das schlechte Neuigkeiten. Ich bezahle Andi 20 Euro für die Fahrt nach Podgorica. Sonderpreis. Nach meinen Erkundungen geht es auf direktem Weg wirklich nicht billiger über die Grenze. Habe es eilig wegen des Anschlusszuges nach Beograd. Im Café telefoniert Andi, ich sitze gelangweilt daneben und denke nach, wie ich meine Leke loswerden könnte. Er sagt, ich muss sitzen bleiben. Abfahrt jederzeit. Andi verschwindet kurz um die Ecke, lässt sein Telefon zurück und kommt mit einer Art Fahrschein wieder. Wir müssen jetzt gehen. Bei einem kleinen Opel mit offenem Kofferraum bleibt er stehen. Ich hätte Glück, ich könne mit einem Privatauto reisen, lächelt er mich an. Der Bus sei leider voll. Er tauscht mit einem jungen Kerl ein paar Worte. Sie schlagen ein. Der andere erweist sich als mein Fahrer, arbeitet anscheinend in Montenegro. Wir fahren durch den Basar. Er versucht Leute für die Mitfahrt aufzutreiben. Bei einem Stand holt er einen riesigen, für ihn vorbereiteten Sack voller Fische. Für mich kauft er Zigaretten um meine verbleibenden Leke. Der Fahrer ist nervös. Er findet niemanden, der mitfahren möchte. Als wir aus der Stadt sind, sagt er „Bye-bye Albania!“ und lächelt mich an. Ich schaue wehmütig in die ungeheure Landschaft. Der Fahrer überholt wie wahnsinnig und wippt heftig mit dem rechten Fuß. Ein paar hundert Meter vor der Grenze bleibt er stehen. Er stellt sich ins Feld und pisst. Dann kommt er zurück, legt mir den Fischsack auf den Schoß, deutet mir an, ich solle ihn bei meinen Füßen verstecken. Bei der Passkontrolle spricht er künstlich gelassen und heiter auf die Polizisten ein. Ein Polizist setzt kurz meinen Sonnenhut auf. Ich bleibe unbeachtet. Nach der Grenze wird er etwas ruhiger, bleibt aber bei waghalsigen Überholmanövern. In der ersten montenegrinischen Stadt hält er an. Er verlangt den Fischsack und verschwindet damit in einem Laden. Wenig später sind wir in der Hauptstadt, Podgorica. Er beugt sich zu mir rüber, erst um meine Türe zu öffnen, dann gibt er mir die Hand. „Bus Station!“ Ich sage ein letztes Mal „Faleminderit“. Zu Mittag gehe ich in ein kleines Lokal und bestelle einen Karpfen, an dem ich über eine Stunde lang esse. Für die Fahrt nach Budapest kaufe ich ein Ticket für den Schlafwagen. Eingestiegen stellt sich heraus, dass es keinen Schlafwagen gibt. Ich verbringe die Fahrt im Gang neben einem angeleinten Schäferhund, der mich unentwegt anstarrt. Die Fenster sind geöffnet, es wir kalt in der Nacht. Der Hund schläft nicht. Höchste Zeit mit dem Reisen aufzuhören.