Liber Silvester, du freier Mensch,
wie du weißt, ich habe es bereits erwähnt, werde ich mich für einen Job bewerben. Ich werde als Kassierer im Stadion arbeiten, wenn sie mich nehmen. Ich weiß gar nicht, wovon ich eigentlich lebe, nun ich werde bald wissen, woraus ich mein Auskommen beziehe. Es wird nicht lange hin sein und ich werde kündigen, vielleicht an einem freundlichen Nachmittag aus der Kabine kriechen, ins Freie treten und aus Überschwang rund um das Stadion spazieren, etwas pfeifen. Bald werde ich zu einem Aufnahmegespräch gestellt sein müssen, wie man sagt, darüber wird später zu reden sein, wenn die Aufregung steigt.
Ich bekam gestern einen Anruf von meiner Großtante. Sie bewohnt ein kleines Haus am Land. Wenn sie im Garten steht, mit Kopftuch oder Sonnenhut, erinnert sie mich an eine Abbildung in einem alten Bilderbuch, die mit „Pomeranze“ unterschrieben war und die ich als Kind öfters zu sehen bekam. Sie liebt den Garten, mein Großonkel ist tot. Ich bekam den Anruf und musste daran denken, wie ich damals im Badezimmer dieses Häuschens saß und auf meine Großtante wartete, sie sollte mir eine Wunde verarzten. Die Türe war angelehnt, und bei jedem Zuschlagen der Haustüre hörte ich an der Badezimmertüre das Erschütterungsgeräusch. Die vielen Kinder rannten ein und aus, ständig mit neuem beschäftigt, und ich saß und verharrte unter diesem wiederkehrenden Geräusch an der Türe. Ich hob nicht ab.
Ich rief eine neue Bekanntschaft an, welche sich wohl Gertrud nennen lässt. Ich traf sie im Park, unter der Majestät des Ginkos ging nichts schief. Es lief etwa so ab, dass ich ganz knapp vor dem Parkausgang mich umwandte, mich ungeplant niederließ, wie ein erschöpftes Ross. Ich lag bald am Rücken und streckte die Beine in die Höhe, dem Ginkostamm entlang lehnten sie. In der Schule wurde das „Kerze“ genannt, und es war mir die liebste aller Übungen. Ich verschränkte die Arme hinterm Kopf und döste süßlich. Da kam besagte Gertrud oder sie war längst hier gewesen, und fragte was mir dabei einfiele. Ich bin davon überzeigt, dass sie mich nicht im Geringsten von dem Umstand überzeugen kann, dass so etwas wie eine gegenseitige Bereicherung bereits im Anrollen ist. Neulich erst stolperte ich zu einer Umarmung, die sie mir anbot, da ich Kund tat, mich auf und davon zu machen. Das war der Höhepunkt eines Zusammenseins, das mich unentwegt auf die Uhr blicken ließ. Ein Zusammensein, das geprägt von ihrem unentwegten Reden war, wobei sie aus einem Reservoir aus Wörtern schöpfte, das mir in seinem Ausmaß alles abverlangte. Ich wollte in dieses Reservoir einrechen und alles zerstören. Es muss gerade das enthusiastische Reden kurz gehalten werden, der Enthusiast muss auf die Reaktionen des Gegenübers bedacht sein. Nichts kann hemmen und betäuben wie der Enthusiasmus, der mir umso fremder wurde, je mehr und ungezügelter er sich ausbreitete. Im Verhalten der Gertrud fand ich während der Stunden, die wir im Kaffeehaus beieinander waren, niemals Anzeichen für eine Überprüfung meines Interesses. Ich wurde immer einsilbiger und um Kontrast bemüht, ich horchte längst am Nachbartischgespräch mit. Dort wurde der leidige Heimweg besprochen. Du bist es mir wert dachte ich und ich dachte sie weigert sich, mich zu begreifen.
Es war etwa eine Woche vor diesem Zusammensein, dass sie mich in ihre Wohnung einlud und mir Musik vorspielte, die sie selbst komponiert hatte. Sie hat hierfür ein eigenes Programm am Computer, mit dem sie Töne zu wundersamen Melodien aneinanderreiht und mit Alltagsgeräuschen versieht. Diese Melodien verbreitet sie auch im Internet, behauptete sie, und ich lag hellhörig auf ihrer Couch, welche ich so gerne Kanapee nennen würde, mit dem einzigen Gedanken beschäftigt, welchen Kommentar ich diesen Klängen später folgen lassen sollte. Sie stand lässig am Schreibtisch und klopfte mit ihren Fingern den Takt ihrer Musik. Doch zurück ins Kaffeehaus.
Als Gertrud pausierte, stand ich auf und streckte mich, nicht ohne zu gähnen. Ich konnte nicht anders, als sie anzulächeln und flüsterte ihr ins Ohr, dass ich die Straßenbahn, welche sich schon in unmittelbarer Nähe befinden müsste, nicht verpassen dürfte. Ich merkte noch an, dass, so ich sie verpassen würde, ich eine Station zu Fuß gehen möchte. Ich erhob die flache Hand und sie breitete die Arme aus, ihren Kopf neigte sie. Ich lächelte wieder und umarmte sie fest, sie tat mir leid, ich dachte, vielleicht missversteht sie mein Lächeln.
Wenn alles gut geht, werde ich später in die Badewanne steigen, stell dir vor, wie ich dann daliege, horche und nichts höre, schaue und nichts sehe. Mir wird ganz anders werden bei dieser Selbstbelohnung. Anders. Der Mensch muss zum Genuss fähig sein. Muss. Ist es nicht auch von gewisser Bedeutung, dass ich heute in die Badewanne steige, allein den Wunsch dazu verspüre, von Bedeutung für dich? Du hast mit vielen Hunden gemeinsam, dass von dir nichts kommt, du dich aber vorzüglich ansprechen lässt. Mir liegt es nicht auf der Zunge dich zu beschimpfen, wie ich auch keinen Hund für sein Schweigen kritisiere, du hörst nur, was ich berichte, du musst mir doch gewogen bleiben.
Herzlich, V.