Lieber Silvester,
an diesem Wochenende kam es, wie hätte es nicht anders kommen können? Ich saß einer Freundin gegenüber im Kaffeehaus, saß ihr angefochten gegenüber. Ich hatte mir zu viele Tage frei genommen, das sind riesige Meere solche Tage. Sie sind schön anzuschauen.
Jedenfalls tat mir ein Termin sehr wohl, und ich verpflichtete mich, ihr gegenüberzusitzen, doch konnte ich nicht aus den Worten schöpfen, die ich mir vorgenommen hatte. Sie erzählte ausführlich und wartete vergebens in ihren Redepausen auf meinen Anteil des Gesprächs. Wir bestellten eine komische Mixtur zu trinken und ich hätte ihr so gerne geflüstert, wie hungrig ich war. Ich redete kaum. Mein Sprechen schien mir matt und farblos, als verwendete ich stets dasselbe Wort. Ich bemühte mich zuweilen und las in ihrem Gesicht, gierig auf ihr geheimes Urteil.
Zwei gingen an unserem Tisch vorüber und ich dachte, die unsicheren Blicke derer, die glauben, einen wiederzuerkennen, sind nicht zu verwechseln und eignen sich für sinnlose Spekulationen. Doch auch das wollte ich nicht mit ihr teilen, ich vermochte nicht die Last, die es bedarf, einen solchen Gedanken aufzurollen, diese Last zu ertragen. Ich wünschte, sie würde ein Buch hervorholen und sich abwenden oder ein Telefonat beginnen, das alle möglichen Banalitäten abhandelt. Der Moment im Blick dieser beiden, dachte ich wieder, diese gleichzeitige Verwunderung auf mich gerichtet und ich blickte ganz selbstverständlich zurück, so wie man in die Leere schaut. Sie aber wollten ihre Ahnung überprüfen und musterten mich so gut, wie es die Kürze des Moments erlaubte. Sie schienen meinen Eindruck, meine Interpretation ihrer Blicke zu vermeiden sehr gewillt zu sein. Meine Überlegungen, meinte ich zu bemerken, waren zugleich ihre äußerste Befürchtung und im Moment ihrer Ahnung schoss ihnen diese Befürchtung ein. Solch eine Armut an Verständnis, solch ein Unwillen zur Begegnung zum Zeitpunkt der Begegnung.
Ich fühlte mich auf der bequemen Seite, doch vielleicht gingen sie mit Glücksgefühlen aus dem Kaffeehaus und schritten vergnügt auf ihrem Weg, dessen Ziel ich nicht wusste, dahin. Welchen Namen sie wohl hatten? Ich bestellte die teuerste Nachspeise und teilte sie widerwillig mit meinem Gegenüber. Sie war am Klo gewesen und streifte sich lächelnd die nassen Hände an ihrer Hose ab, wo sie doch den ganzen Weg vom Waschbecken bis zu unserem Tisch damit hätte verbringen können. Sie schob den Sessel etwas zurück, setzte sich hin, lehnte sich vor und fragte, woran ich dachte.
Das ist nicht alles, was ich in deine Richtung loswerden möchte. Ohne mir anzumaßen, zu vermuten, worauf ich hinaus will, möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich die gesamte Badewanne gereinigt habe. Es war der fadisierteste Ausdruck in meinem Gesicht, als ich meine Arbeit angefangen hatte und er blieb mir erhalten, was ich deshalb bezeugen kann, weil über meiner Badewanne ein Spiegel angebracht ist. Der Spiegel erlaubt es eitlen Personen ihren nackten Körper beim Einsteigen und Aussteigen unter Beschau zu nehmen. Als ich den Spiegel putzte, kam der fadisierte Ausdruck noch näher an mich heran. Ich kann dazu nur sagen, dass ich den Fensterputzer, der auch als Gummiabzieher bekannt ist, und bekanntlich das überschüssige Wasser entfernt, recht gerne benutze, mir allerdings ein ungeputzter Spiegel atmosphärisch angenehmer ist. Ich putzte und ich dachte dann an meine Großtante. Ich hatte schon zu lange nicht mit ihr gesprochen. Solche Sachen fallen einem ein, wenn man glaubt, sich nichtsnutzig zu beschäftigen. Ich habe sie in Erinnerung, wie sie mitten im Garten steht, denn das war meist, was ich sah, wenn ich die Türe aufriss und nach ihr rief. Ein Staunen war, was ihre Gestalt zwischen den Pflanzen ausdrückte, ein Unbehagen war in diesem Staunen. Sie stand still da und doch schien es, als behauptete sie eine Unruhe gegenüber der Langsamkeit und der Geduld des Gartens. In den Pausen ihrer Arbeit, in diesem Innehalten war für mich eine Leere, die sich mit meinen Vorstellungen, was in ihr vor sich gehen könnte, ausfüllte. Vermutlich wartete ich einfach, vom Türstock eingerahmt, und erst jetzt fülle ich das, was sich als Leere herausstellte.
Es gab nie viel zu sagen zwischen uns, was den Garten betrifft. Vielleicht war ich zu klein, doch sie erklärte mir auch nichts und lehrte mir nicht die vielen Bezeichnungen und Erkennungsmerkmale der Pflanzen. Sie wollte damit alleine sein und so rief sie mich auch nicht zu sich, sondern kam langsam der Türe zugestampft und widmete sich dann meinen Anliegen. Auch mein Großonkel brachte mir nichts derartiges bei, öfters begleitete ich ihn auf Spaziergängen durch den ungemähten Garten und darüber hinaus ins Umland. Ich wollte die Großtante schon die ganze Zeit anrufen und auch daran dachte ich beim Putzen, doch es gab auch nicht, und es gibt auch nicht viel zu sagen zwischen uns, was den Garten betrifft.
Wie viele Bedeutungen man nicht in vergangene Szenerien zurückrudernd ausfindig macht. Wie viel man sich nicht einbildet, woran man damals nicht dachte, wovon man damals nichts sah. Und doch muss etwas vorhanden gewesen sein, wovon sich diese Bedeutungen nähren. Das wiederum dachte ich nicht beim Putzen und im Putzen hat sich bis heute nichts Bedeutendes getan. Den letzten Absatz solltest du zumindest zweimal gelesen haben. Ich werde meinerseits die Nachrichten aus aller Welt in Angriff nehmen und darüber fliegen, wie man sagt. Ich hoffe auf Ergiebiges in den news, wie man in England sagt. Das zerstreut alles angesammelte, die vielen Information auf den Nachrichtenseiten sind für den Kopf, wie ein wohltuender Tee für den Magen. Halte auch du die Ohren offen und verkühle dich nicht beim übermütigen Ausziehen in den ersten Tagen des Frühlings.
Allerlei Grüße, V.