7. Der Zoo, der Großonkel und das Schlafengehen

Lieber Silvester,

ich habe immer schon gerne den Zoo besucht. Es ist nichts Außergewöhnliches, dass Kinder gerne den Zoo besuchen, doch in meinem Fall bestand eine seltsame Beziehung zu solchen Ausflügen und sie dauert an. Mein Großonkel ging oft mit mir zu den Tieren, wie er sich ausdrückte, und er ging auch oft alleine und berichtete mir davon.

Ich nutzte die nächstbeste Gelegenheit und fuhr hinaus, kaufte mir eine Karte, wobei ich während der Wartezeit lässig am Zaun lehnte und die Besucher musterte. Spazierte dann planlos zwischen den Gehegen umher. Fuhr ein Kinderwagen vorbei, so versuchte ich einen Blick auf das Kind zu erhaschen, stets in der Erwartung einmal einen leeren Wagen vorzufinden. Es muss diese Ausprägung von Verrücktheit geben, ein leeres Gestell herumzuführen. Ich wäre tief erschüttert, zugleich dankbar für die Unheimlichkeit, welche die ganze Szene dann ummanteln würde. Ein Pfau schlug sein Rad der geschmackvollsten Farbenmischung. Unzählige Augen prangten hinter dem kleinen Tier und bildeten seinen Hintergrund. Es glänzte. Es schien mir solch eine absurde Aktion zu sein, wie der Einfall eines Künstlers. Später hielt ich bei vollkommen starren, echsenähnlichen Tieren. In ihre bewegten Augen blickend, dachte ich, sie wehren sich, kämpfen dagegen an, ihren Körper zu bewegen. Solch eine Stille lässt einen unruhig werden, philosophierte ich. Dann stolperte ich über einen Stein und fühlte mich etwas angeheitert. Dann war ich bei den Affen. Sie schwangen sich umher, du weißt doch, wovon ich rede, einer rastete davor. Welcher Wahnsinn, dann wieder ein gemeinsames sich umher Schwingen. Ich lehnte mich mit dem Rücken zum Gitter und vernahm ihre unangenehmen Rufe. Ich schloss die Augen, mich fror, und ich wollte kurz verenden. Als sich einige Kinder nach und nach vor dem Gitter versammelten, einander zeigten, was sie sahen, wurde es noch lauter und ich verschwand. Ich kaufte mir ein Eis, obwohl es noch kaum grünte, setzte mich mit dem Eis auf eine Bank und betätigte meine Sprachbox, um einige Aufnahmen anzuhören. Viel mehr ging nicht vor sich, nichts was sich mir aufdrängt, zu berichten von diesem Tag, der am Abend noch ein paar Winde losließ, wenn ich mich richtig erinnere.

Wenn ich nicht einschlafen kann, denke ich an ein heimliches Freilassen aller. Ich überlege mir die Wege der Tiere durch die Stadt, wer sich wo zusammenfinden könnte und ich überlege mir einen Ort, von dem aus es mir möglich wäre, das bunte Treiben ungestört zu beobachten. Ich denke immer an das Chaos, wenn ich nicht einschlafen kann, ich denke immer an das Stiften von Glück und Unglück für andere. Das hilft. Der Schlaf ist ein ewiger Begleiter. Es gibt Tage, an denen ich nichts zusammenbringe, aus Angst vor der Nacht. Wie viele Stunden werden vergeudet, den Gedanken an den Schlaf ausgesetzt. Wie leicht ist es auch oft, sich ihm hinzugeben, sich einholen zu lassen und bedeckt zu werden, wie von einem Beschützer. Es tropft so regelmäßig in meiner Abwasch, auch das scheint mir unbedingt erwähnenswert. Denn im Bett liegend, kann einen diese Regelmäßigkeit foltern oder einwiegen. Wer weiß das schon beim Ausziehen der Kleidung, beim Zurechtlegen des Polsters, beim niedlichen Verkriechen spät nachts. Mein Großonkel kam zu kurz. Weniger im Leben, als in diesem Bericht. Künftig mehr davon, wohlan, gehoben, veraltert, lass mich schließen diese erwägenden Zeilen.

Kopf hoch, dein V.