6. Fußball mit Heinrich, Gundula und der Traum

Lieber Silvester,

es wird nichts Neues für dich sein, letzte Woche am Sonntag lud der Tag herzlich ein, die Wohnung zu verlassen. Ich folgte und traf mich mit meinem halben Freund Heinrich am Fußballplatz. Das Spiel war für die meisten Bewohner dieser Stadt wohl von geringer Bedeutung, doch das war kein Grund sich zurückzulehnen. Ich stieß sogar ein paar Rufe aus, so gering schien mir die allgemeine Bedeutung. Da wir uns unabsichtlich in einer Gruppe aufgebrachter Fans befanden, musste ich auch nicht lange überlegen, welcher Mannschaft ich den Erfolg wünschte. Heinrich saß recht gleichgültig an meiner Seite und begann von seinen Träumen zu erzählen.

Mehrere Leute seien vor seinen Augen in den Abgrund gestürzt. Vor seiner Haustüre an einem sonnigen Vormittag, so freundlich wie dieser Sonntag, tat sich ein Spalt auf, der bald den Gasseninhalt mitsamt Passanten und Gastgarten in sich verschlang. Es war ihm kaum möglich über seine nächsten Schritte nachzudenken, beteuerte er mir, schließlich folgte er aus den Begebenheiten, sich zurück ins Haus begeben zu sollen. Da stieß er auf eine uns gemeinsame und blutüberströmte Freundin, die sich in etwa Gudrun nannte, braunhaarig war. In dieser Situation des Horrors wachte er nicht etwa auf, nein, er schlief weiter. Warum, fragst du dich wohl, auf welcher Grundlage kann er solch ein Behauptung wagen und ich fragte mit selbiger Skepsis meinen Freund Heinrich. Nun ich werde dir sagen, was er sagte.

Er verriet mir freundschaftlich noch ein weiteres Geträumel in Erinnerung zu haben. Diese Erinnerung hätte er viel ausführlicher präsent, folglich hätte es sich näher am Zeitpunkt des Erwachens in ihm ausgetragen, des bitteren Erwachens, wie er sich ausdrückte. Ich horchte erwartungsvoll, folgte aber gleichzeitig dem Treiben am Spielfeld. Da meinte er, das ihm im Schlaf, im wehrlosen Zustand, Widerfahrene, sei erotischer Natur gewesen und es handelte auf eine Weise von Personen und Intimitäten, dass es ihm unangenehm wäre, deren Namen zu nennen. Er bekam ihre Körper auf ausführliche Weise präsentiert. Er lachte und blickte zu Boden, ich meine, er blickte auf seine gefalteten Hände und dann daran vorbei auf den Boden. Sein Erinnern ließe in ihm den geheimnisvollsten Schwindel aufkommen, verriet er. Der schon erwähnten Gudrun oder Gundula erzählte er davon nicht, da er stürmisch verliebt in sie sei. Ich fragte, welche Erotik sich zugetragen hätte, doch er wollte es dabei belassen. Ich war enttäuscht und es fielen keine Tore.

Warum berichte ich dir davon nur so hemmungslos? Ich denke, sowenig Hemmung ist darin gar nicht enthalten. Warum erwähnte ich mit keinem Wort die Frisur des Bierverkäufers, der uns bei unserem Gespräch unterbrach? Warum nicht den Heimweg mit den verpassten Straßenbahnen? Du musst im Unklaren bleiben. Es wäre wert gewesen davon zu berichten. Gleichwert. Und gleichermaßen wertlos. Sei mir jedenfalls stets gewogen. Ich drücke mich doch eindeutig aus. Solche Sätze dürfen keine Mehrdeutigkeit zulassen. Ich werde heute noch das angesammelte Gewand waschen und das Innere des Kühlschranks auf Schimmel und Fäulnis überprüfen. Heute geht es Schlag auf Schlag. Ich hoffe auf ein wenig Träumerei gegen Abend. Schlafe deinerseits gut und tief.

Man hört sich nicht.
Dein V.