Lieber Silvester, du silbernes Wesen,
einmal, ich hatte das weite Feld vor mir. Ein leicht angeschneites, steinhartes Feld, das nichts mehr in sich aufnahm. Ich liebe es, im Winter aus der Stadt zu gehen, soweit, bis man meint, nichts mehr zu sehen. Ich war nicht weit gekommen. Als Kind waren dort ein Graben, ein Hügel aus Lehmerde, das Dickicht wilder Kirschbäume, Schauplätze des Indianerspielens. Jetzt bemerkte ich nichts davon, der Blick hat sich gehoben und über vieles wird zwangsläufig hinweggesehen. Nun, daran kann man verzweifeln, wenn man möchte. Ich erkannte am höchsten Punkt des Feldes, seinem Sattel, ein Reh. Es wirkte wie hingestellt und nicht abgeholt. Als wäre es mit einem Sprung hier hergelangt oder gelandet von Hochob. Ich nahm an, es blickte dahin, doch seine Augen, ihre Augen, waren zu klein. Es sagte niemand „Das Reh muss nicht sogleich als heilig erklärt werden.“ Folglich schwieg ich und erklärte mir. Nichts ist verwundbarer, dachte ich und denke ich mir wieder und wieder beim Bild des Rehs in ungeschützter Weite. Lebenslänglich bedroht und doch keine Ahnung vom Tod, dieses Tier. Oder doch. Der Tod war als Kind im Graben, über den ich nicht einmal mehr zu stolpern vermag, der Tod ist mir das weite Feld, das Reh ist kein einfach zu betrachtendes Bild.
Heute schlief ich bis Mittag, eine Seltenheit, die ich immer bemüht bin zu vermeiden. Vielleicht ist es nicht immer zufällig, in welcher Art eine Formulierung ausfällt. Ich fing sofort zu essen an, bald folgte das Mittagsessen, immer bemüht den Tag einzuholen. Bald sollte ich die Wohnung verlassen, du weißt, was ich meine und es langweilt mich, darüber zu sprechen. Natürlich, es hat geregnet und wenn sich die Gelegenheit bietet, werde ich meine Hand unter eine Dachrinne halten. Vielleicht kommt die Sonne heraus und ich setzte mich vor ein Cafe, zu schade, dass es keine Bistros gibt in dieser Stadt. Wer weiß schon, ob die Sonne herauskommen wird. Ich könnte mich verabreden, doch wozu, wenn die Sonne herauskommt, spaziere ich ihr entgegen.
Ich habe heute auch schon viel über eine alte Schulfreundin sozusagen sinniert, schon vom Aufwachen an diesbezüglich sinniert. Es ist nicht lange her, da habe ich sie am Land besucht, sie hat Eltern dort, die sie ihrerseits besuchte und ich wurde eingeladen. Davon wird zu berichten sein, vielleicht rundet es irgendetwas ab. Jedenfalls ereignete es sich, dass ich sie vor einigen Monaten wieder getroffen habe. Wir verabredeten uns regelmäßig und es wurde persönlicher zwischen uns. Sie war in einer etwas verzweifelten Lage, da ihr der Bildungsweg und der Werdensweg im Allgemeinen Furcht bereitete, die Aussicht auf diese Wegbeschreitungen. Ich war stets bemüht, sie zu beruhigen, mein Beruhigen irritierte mich. Es war so, dass ich ihr die Zukunft angenehmer erscheinen ließ, als dies meinen eigenen Überlegungen entsprach. Doch darin lag trotz allem eine Wahrheit und ich wusste nicht, ob ich log, log ich ob. In einem selbst scheint sich eine Verwandlung zu vollziehen beim Versuch der Beruhigung. Ich selbst war eingeschlossen in diesen Versuch und der Erfolg, den ich bei ihr erzielte, wirkte auf mich zurück. Da ging etwas Wahrhaftiges vor sich und doch sprach ich zu ihr nicht aus Ehrlichkeit. Seltsames Gespiel, das nicht lange andauerte, rasch entfernten wir uns wieder voneinander. Möge es mir gelingen den Kopf frei zu bekommen, mir sollte einfallen, was es für mich zu unternehmen gibt. Da ist nichts zu tun.
Ich klammere mich, musst du wissen, an einen Job im Stadion, der mir in Aussicht steht. Nach tagelanger Suche im Internet, fand ich auf einer einschlägigen Seite dieses Angebot. Ich gehe von angenehmen Arbeitsbedingungen aus und ich gehe von Erkenntnisgewinn aus, wie immer, wenn ich etwas ansteuere. Ich traue mir jedoch selbst nicht ganz mit diesen Gedanken, die ich dir gepflegt und glänzend ein andermal ausbreiten werde. Bei Zeiten. Ich ringe schon jetzt damit, mit den vielen Terminen, die ich dort nicht versäumen werden darf. Die Vögel aber singen schon, ich horche kaum hin, es wird wärmer, ich bin freilich tief betroffen.
Alles Gute, dein V.