Mein lieber Silvester,
ich kam letzte Nacht vom Land zurück. Seitdem verbringe ich eine widerspenstige Zeit mit mir. Wir alle, nicht nur ich, sind so nahe am Jahresende. Diese Momente versichern mir, dass auch ich über ein Mitgefühl und Gemeinschaftsgefühl verfüge. Wir alle sind so nahe daran. Ich lag, zurück in der Stadt, auf meinem Sofa, welches ich so gerne Kanapee nennen würde, im Alltag taucht mir dieses Wort aber nie auf, ich lag unter der Decke und rauchte hin und wieder, hervorgekrochen. An mir regte es sich immer mehr. Einmal der Fuß, wie gekitzelt, einmal die Hand wie unerwartet berührt. Ich lag da vor Aufregung. Darüber wusste ich nicht Bescheid.
Ein Licht meines Druckers leuchtete unentwegt in den Raum. Die bunte Gewürzdose am Rand des Esstisches, die schwarze Pfeffermühle in dessen Mitte. Die leise durchdringende Technomusik der Nachbarn. Sie bewegte mich unangenehm, es war wie ein Schall im eigenen Kopf, von dem man sich nicht entfernen kann. Das Licht zog sich langsam aus dem Raum zurück und die Gegenstände wurden zunehmend unerkennbar, doch konnte ich noch ahnen. Das Thermometer, dessen Anzeige ich so regelmäßig studiere, hing über mir. Die bekannten Risse und Schatten an den Wänden verschwanden. Der Glaslampenschirm. Die höchste Verzweiflung kommt aus dem nichts. Sie entbehrt jeder Grundlage, bäumt sich lose in einem auf. Und doch muss sie festgemacht werden, um nicht daran zu ersticken. Es lassen sich immer Worte finden.
So verbrachte ich eine widerspenstige Zeit, denn ich war fest entschlossen gewesen einen Bekannten zu treffen, den ich anderen stets als meinen ehemaligen Schulkameraden vorstelle. Dieser Bekannte ist eine große Gestalt mit ungepflegtem Bart und Haar, die ineinander übergehen und den Frauen viel Freude bereiten. Wir verabreden uns selten, doch wenn es daran geht uns wieder zu sehen, meint er ernst „ok, soweit das Wetter mitspielt“ oder „ausgemacht, wenn nur das Wetter mitspielt“. Sein Name tut nichts zur Sache, er heißt Franz. Wir verstehen uns nicht in vielen Dingen, das scheint ihn nicht zu irritieren. Wir tauschen uns über sportliche Ereignisse aus und ereifern uns über die jüngsten Ergebnisse und aktuelle Tabellenstände, die wir beide gleichsam verfolgen. Die Interpretation von Ergebnissen und Tabellenständen gehört zu den beruhigendsten Beschäftigungen, es macht einen besonnen und verschlägt einen wenn nicht in gute, so doch in bessere Stimmung. Übrigens gefällt es mir, wenn Franz mit einer Selbstverständlichkeit zum Bierglas greift, mit der die Zweifel aus seinem Gesicht verschwinden. Er ruft lauthals nach den Kellnern, wenn ihm die Zeit reif vorkommt, auch darin liegt eine Selbstverständlichkeit. Er wirkt niemals bedächtig in meiner Gegenwart. Es ist nicht jedem gegeben schön zu trinken, er tut sich darin hervor. Ein solcher Satz würde ihm den Verstand rauben.
Soviel zur Einführung dieser Person. Du bezweifelst doch nicht seine Existenz? Eine Geschichte, die ich mit ihm erlebte, muss für dich von großem Interesse sein. An einem späten Nachmittag im Herbst saßen wir beide in der Wiese vor meinem Elternhaus und tranken kalten Weißwein. Er erzählte mir von seinen familiären Verworrenheiten und ich sah in den Wald, ich sah auf den Wald, und dachte an mich. Das muss vor wenigen Jahren gewesen sein. Ich dachte an den Moment, da alle Tiere den Wald verlassen würden, wie ein Heer sich vor diesem versammeln würden und mir im Angesicht stünden. Ich dachte daran, wie schon so oft. Jener Anblick war in meiner Vorstellung üppig. Das Bild wirkte durch das strotzende, vor mir versammelte Leben, seine Kraft und Unberechenbarkeit. Mir wurde zugleich übel und leicht. Die Üppigkeit des Fleisches, dachte ich, und dahinter der tote Wald, der Ausgestorbene – ich wusste nicht wohin mit diesem Bild. Ich dachte bald an die Freundin meines Freundes, der sich hier vor mir entleerte, mit all den Schwierigkeiten seines Seins. Sie war stets gut für nächtliche Fantasien. Später ging ich ins Haus, um eine neue Flasche zu besorgen. Als ich mit dieser im Wohnzimmer, welches auf die Wiese zugerichtet war, stand, hielt ich inne, sah ins Freie, wo sich alle Farben mischten und Franz telefonierend der Hausmauer, welche der grellen Sonne ausgesetzt war, hin und her entlang ging, also hin und her am Fenster vorbeiging, welches ich mühevoll gegen die grelle Sonne betrachtete. Ich wartete nicht darauf, doch er sah auf, ins Zimmer hinein, wir blickten uns an und er schien zu verstummen. Es war, als wüssten wir beide nicht, wen wir hier vor uns hatten. Ich hob die Hand, als grüßte ich jemanden Fremden, der sich hierher verloren hatte und bereits im Begriff war zu verschwinden. Ich ging hinaus, schenkte ihm ein und beide lachten wir seltsam. Es war ein derartig heißer Herbsttag, dass es nur Freude bereiten konnte. Ich lag bald in der Wiese und schwamm in den Geräuschen des Gartens, gestreichelt von seltenen Windböen.
Was hat es schon auf sich, mit diesem Ereignis? Entscheidend ist die Erinnerung, die vom Ereignis nur den Anstoß bekam. Was ich mir nur denke hier niederzuschreiben, was ich mir denke. Du darfst mir nicht den Ernst abnehmen, nicht wegnehmen, darfst keiner Leichtfertigkeit ihr Gewicht absprechen. In solch einem Moment mit Franz, so hieß doch mein Bekannter, um den Fluss nicht zu stören, schön, wenn es so fließt, in solch einem Moment ist die Erinnerung schon enthalten. Ist es dir etwa fremd, im Erleben eines Moments bereits auf den abstrakten Zustand dieses Moments als Erinnerung zu schielen, diesen gleichsam mitzudenken? Wie wird sich dieser Moment verwandeln, in welcher Form wird er erhalten bleiben? Ich meine, dass solch ein Bewusstsein sehr unangenehm sein kann, ein fauler Betrug, betrügerisch gegen einen selbst. Man bringt sich ums Erleben, bringt Moment um Moment um. Sei nicht zornig, wenn ich hier ein wenig geistreichle, das passt zum roten Wein, den ich mir gerade einflöße.
Mir fällt ein, es ist doch das Ende der Kindheit die größte Revolution, die einzige gewissermaßen, die einzige von Bestand. Obwohl ich nichts davon mitbekam, blicke ich darauf zurück. Und „Das Ende der Kindheit“ trägt den wohligen Klang eines Buchtitels. Denkst du nicht auch, vielleicht besteht manches Leben aus fortwährendem Nachtrauern. Es gibt kein Zurück mehr in die Zeit vor dieser inneren Drehung, vor der endgültigen Umwälzung des Geistes, doch es lässt sich ein Mensch bis ans Lebensende davon ernähren. Das sollte genug sein. Es ließe sich noch vieles sagen, doch diese Sätze, die nun folgen könnten, die mir abzuverlangen strengt mich furchtbar an. Dass du sie vielleicht nie lesen würdest, ist mir das kleinste Hindernis. Das Nachtrauern ist undankbar aber ergiebig. Stell dir vor, man würde nicht die meiste Zeit darauf vergessen. Das ist doch kein hochtrabendes Pferd, das ich darstelle? Das steht doch nur belanglos da, grinst und würgt den Zucker wieder hinauf während es sich irgendwohin entfernt. Damit ist doch etwas gesagt? Jetzt aber, horche her, ich möchte zu Hochkarätigem übergehen, zu den Anblicken, die einem hoch helfen, zum Aufrichtenden, doch vielleicht nicht in diesem Bericht.
Diesen Franz, wie nannte ich ihn vorhin? Ich traf ihn nicht, und trotzdem, durch den theoretischen Termin, traf ich auf ihn. Das reicht auch. Ich muss ihm nicht wahrhaftig gegenübersitzen. Franz ist eine im tiefsten Inneren gekränkte Person. Es handelt sich nicht um eine Kränkung aus Enttäuschung. Es ist, als bekäme er spät nachts nicht mehr eingeschenkt, die Ursache dafür liege aber auf dem Tisch, darauf er sich stützt in seiner Mattheit. Des Weiteren lässt er sich zu unbedachten Sätzen hinreißen. Ich mag es, wenn Leute scheinbar mit etwas abgeschlossen haben. Wie sonst kann man mit unausgewogenen Äußerungen brillieren? Und das Wetter hat auch nicht mitgespielt. Soviel zur Abrundung. Das Wetter ist von unschätzbarem Wert.
Lass es dir gut gehen, dein V.