Lieber Silvester,
es war so, dass es leicht schneite. Eigentlich an jedem der letzten Tage. Am Mittwoch war ich stundenlang im Freien unterwegs und besonders betroffen. Ich zwang mich Hosen zu kaufen, nicht weil ich eine neue Ausstattung nötig hatte, ich wusste lediglich gar nicht mehr, wie es ist, Hosen zu kaufen. Ich ging in die Fußgängerzone in der Nähe meiner Wohnung. Hier fand ich eigentlich alles vor, vor allem an einigem fand ich zu viel vor, doch sollte man sich nicht immer vom Überfluss fernhalten.
Eine große Herausforderung stellt es dar, eines der ganz kleinen Geschäfte für Herrenmoden zu besuchen. Du weißt wovon ich spreche und wirst ein wenig seufzen. Auf engstem Raum sieht man sich einer eifrigen Verkäuferin, denn es sind immer ältere Frauen, die solche Läden führen, gegenüber, die einen ihrerseits nicht mehr aus den Augen lässt. Auch diesmal war ich sehr geschwind im Auswählen, die Penetranz dieser Person verbat mir jedes Schmökern. Als ich die Umkleidekabine verließ, fand ich sie nahe am Vorhang in lauernder Stellung und ich bereute sehr, mir keine Sätze bereitgelegt zu haben. Ich wurde unhöflich, indem ich nichts kommentierte, nicht unhöflich genug.
Mit meiner neuen Hose am Schoß saß ich dann vornüber gebeugt auf einer dieser Fußgängerzonenbänke. Alles was ich nun sah waren Schuhe, Hosen und taumelnde Einkaufstaschen, allesamt nach links und rechts verkehrend. Mir wurde übel und ich kramte mein Handy hervor. Ich wäre gerne abtransportiert worden. Es gab wohl dringendere Fälle in dieser Stadt, ermahnte ich mich. Es gibt immer dringendere Fälle. In der Kälte denkt man zuerst an die Kälte. Jetzt wird es bald spannend werden, hörst du. Ich verließ die Fußgängerzone und ging in den Supermarkt allerletzter Wahl, den ich wöchentlich besuche, um am Alltagselend dieser Farben teilzuhaben. Vom wahren Grund, Bequemlichkeit, möchte ich nicht sprechen. Nach dem Eintreten braucht man nicht lange zu warten, um von der Hoffnungslosigkeit überwältigt zu werden. Es scheint mir, als gelänge es keinem der herumwandernden Gesichter, den Ausdruck der Hoffnungslosigkeit zu entbehren. Das Licht dort versieht allesamt mit Hoffnungslosigkeit am Gesicht und niemand weiß ,wie ihm und ihr geschieht. Über den Regalen sehe ich sie hin und herwandern, letztlich verkehren. Nicht wahr, es ist wie in der Fußgängerzone, dachte ich auch dieses Mal, und es ist wie so oft im Leben, wie viele ältere Leute es ausdrücken würden, dass man sich einem Verkehr gegenüber wiederfindet. Man sollte nicht zu viel umherblicken, schließlich ist man selbst Teil davon und will auch nichts anderes, als Teil davon zu sein.
Jedenfalls, stehe ich da und mir scheint, alle haben die Hoffnung auf Bezahlen und Verlassen des Gebäudes verloren, viel zu lange noch ist es bis dahin. Das grelle Licht, die unerträgliche Kombination der Farben. Orange, Blau, Weiß, Rot, alles erblasst und grell zugleich in diesem Licht. Es bewirkt das Gegenteil von Freundlichkeit und hat quälenden Einfluss auf die vielen Gemüter. Nun genug davon. Man kann auch woanders hingehen. Ich möchte um Himmels Willen nicht daran denken, dass es jemandem anders ergehen könnte in diesem Supermarkt. Ja, die Verkäuferin. Sie meint: „Das ist wieder ein Tag.“ Ich nicke und sage „Ja“ und dann noch einmal „Ja“. So viel an Gemeinsamkeit, viel mehr Einigkeit, verspüre ich mit ihr. Als ich zurück in meiner Wohnung war, wo es immerzu still ist, ging ich zum Spiegel und sagte: „Das ist wieder ein Tag.“ Beim Auspacken und Einräumen der Lebensmittel hatte ich große Freude und ich verstand es fröhlich zu summen. Das heißt viel, wenn einer summt. Das schließt meist jede Lüge am Befinden aus. Na ja und die Verkäuferin, ihr Gesicht ist vom Licht zerstört, meinte ich, sie ist sein ärmstes Opfer. Nicht jeder ist widerständig. Nun, ich träume bisweilen nicht von ihr, doch es ist Zeit dafür, es ist an der allerhöchsten Zeit. Was hältst du davon, dass ich vorher in die Gegenwartsform gewechselt habe? Was hat dich eher gefesselt, die Szene in der Fußgängerzone, oder jene im Supermarkt? Mir scheint dieser Versuch sehr unelegant, doch bin ich nicht zu faul für Abwechselungen.
In den nächsten Tagen soll es endlich unter 0 bekommen. Ich werde mir die neue Hose anziehen, mich zum Computer setzen und die Nachrichten lesen. Ich bin gespannt, was passiert, ich bin stets interessiert.
Und ich grüße dich innigst, dein V.