2. Leute am Kanal, das Hallenbad und der Luster

 Lieber Silvester,

ich möchte von einer Lebensbreite sprechen, die mir nicht mehr in Aussicht steht. Der Umgang mit vielen unterschiedlichen Leuten, unterschiedlichen Gegenständen, das Betreten unterschiedlicher Landschaften liegt weit zurück. Ich war einmal bemüht gewesen, große Erfahrungsbereiche abzudecken, heute bin ich bedacht, wenig Atem zu vergeuden und ich befürchte, ich ging Platz wie ein Hund. Wer befahl das? Das liegt doch an mir, etwas hält mich an beiden Ohren zurück, sind das zweierlei Ursachen? Ich möchte von einer Lebenstiefe sprechen, in der ich verloren gegangen bin.

In diesem Augenblick, den ich auf das weiße Papier richte, entscheidet sich die Wirklichkeit. Das Papier ist aber keine trennende Mauer und ich erzähle dir von meiner Wirklichkeit. Das Papier ist aber zu dir eine Mauer und ich werfe ein paar Sätze darüber hinweg. Ich bin kaum verkühlt diesen Winter und besitze neue Handschuhe, mit welchen ich mich im jeweiligen Ortswechsel warmhalte.

Mir ist bewusst, mit welcher Schwere ich mich dir an den Hals werfe, sei nicht verschreckt. Ich habe vieles zu berichten und ich wende mich gerne an dich. Ich ging etwa letztens dem Kanal entlang, der mir schon einmal Freude beschert hatte, als ich auf einen Angler beim Singen getroffen war. Ich hatte damals nicht verstanden, warum er nicht aufhört, als ich dicht bei ihm gestanden war und mich zum Wasser gerichtet am anderen Ufer die schönste Sommerbluse an einem rastenden Mädchen erfasst hatte.

Wie viele Leute sich hier laufend betätigen, denen ich gerne in die Quere komme. Sie erinnern mich an ihre wartenden Leidensgenossen an den roten Ampeln, wo sie stehend weiterlaufen, als hielte sie jemand zurück. Steht man daneben und sie wenden sich einem kurz zu, möchte man meinen, sie machen sich lustig über ihre eigene Flucht. Ich ging jedenfalls dahin, auf der Suche nach dem Glück. An der nächsten Brücke überquerte ich den Kanal, ich hielt vom Geländer Abstand, auf dessen Gebrauch war ich nicht angewiesen. Am Rücken empfand ich die Blicke der Stadt.

Der Kanal war ein angenehmer Begleiter, ich musste mir keine Gedanken über Abzweigungen machen und es erfrischte mich der Blick, den ich hin und wieder ins Wasser warf, fast so, als ging ich baden. Jetzt kann ich schwenken. Hab’ ich dir je von meinem Besuch im Hallenbad erzählt? Es tut vielleicht etwas zur Sache, mir drängt sich der Wunsch auf, davon zu berichten. Ich lasse mich vom sich Aufdrängenden leiten, das stellt ein feines Gleichgewicht her, kalküliere ich. Mein Besuch ereignete sich letzten Winter und er dauert gewissermaßen bis heute an. Es könnte sich als ewiger Besuch herausstellen, denn beim Verlassen des Bades vergaß ich, den Schlüssel für mein Schließfach abzugeben und kein Mensch ermahnte mich. Der Gedanke der Chloratmosphäre zu entkommen hatte etwas derartig Befreiendes, dass ich sehr eilig war. Es war in etwa wie das Umdrehen für die Schildkröte, die rücklings dagelegen war, völlig ausgesetzt. Es war ein mich aufstellender Gedanke, ins Freie zu fliehen. Denn ich war oft unter Wasser gewesen, im Versuch mich stilgerecht zu bewegen und dort unten dröhnte es, und das Dröhnen nahm ich nach oben mit. Die Sonne schien durch die Glasfassade und mehr und mehr Leute bevölkerten das Becken. Alles schien mir wie Vorzeichen einer Katastrophe. Das Wasser wurde immer bewegter, die Wellen höher, Badewärter waren plötzlich im Umlauf. Aus dem Restaurantbereich nahm ich die beobachtenden Blicke der dort ansässigen, todtraurigen Raucher wahr. Es war die größte Desillusionierung in ihren Gesichtern, doch sie gierten gelangweilt nach den halbnackten Körpern. Es ging auch ein Trotz von ihnen aus, als rauchten sie zum Ausgleich zur gesundheitsfördernden Betätigung der anderen im Wasser. Die Illusion war in den Blicken der Schwimmer. Die Glasscheibe war eine Bestrafung für beide Seiten, dachte ich. Wie grell das Sonnenlicht herein schien. Die Geräusche des Wassers, das über den Rand tritt, das Geplärr der Schulklassen, das Aufheulen der Föhne, wurden lauter und leiser und lauter. Ein Schwindel begann mich zu befallen. Ich verließ das Gebäude, von dem diese Geschichte handelt. Ich weiß noch, im nächsten Cafe aufgespaltete Bratwürste verschlungen zu haben und dass ich mich dann überaus lange zurücklehnte. Der Luster über der Bar war leicht in Bewegung, mein Arm verharrte auf der Lehne, wo niemand saß.

So früh wird es schon dunkel. Das ist schön zu sagen und ein angenehmer Gesprächsbeginn ist es, zu erwähnen, dass es früher dunkel wird, wie auch, dass es früher hell wird, wie auch, dass es später dunkel wird, schön zu sagen ist. Eine Beobachtung, die Gemeinsamkeit erzeugt, für einen Augenblick.

Herzlichst, dein V.