Lieber Silvester,
ich möchte dir von einem unauslöschlichen Eindruck erzählen. Du musst keine großen Erwartungen haben, denn an Spannung fehlt es dieser Geschichte. Ich kann mir nicht erklären, weshalb ich diesen Mann und sein Gesicht nicht wieder loswerde, möchte mich aber auch nicht beschweren. Es war so, dass ich durch meinen Bezirk geschlendert bin, eine Hand in der Hosentasche und vom Wetter getröstet. Mir kam einer entgegen und in kleiner Entfernung zu mir, fing er aus dem nichts zu lächeln an. Ich konnte dafür nicht der Grund sein, denn er blickte ins Nichts, schien mir, zumindest hatte er nichts Bestimmtes ins Auge gefasst. Er kam näher und es zeichnete sich ab, dass dieses Lächeln eine Vorgeschichte hat. Er musste sich erinnern, stellte ich fest, er hatte kein Telefon am Ohr, er hatte keine Begleiterin, die ihn unerwartet kitzelte. Er kam näher und dann war er für immer dahin, an einer weißen barocken Fassade ging er entlang, auf eine Art, dass ich rückblickend dachte, er lächelt noch immer.
Statt ihm gingen mir nun andere entgegen und als ich später in der Straßenbahn stand, bemerkte ich den Gruß der beiden Straßenbahnfahrer, als sie sich, jeder in seiner Fahrerkabine, begegneten. Eine kurze Handbewegung reichte und sie konnten guten Gewissens weiterfahren. Der Mann, der lächelte, hatte geschorene Haare, muntere Augen und einen flatternden Mantel, für den ich viel Geld auf den Tisch legen würde und der die Farbe hellbraun hatte. Es war ein ununterdrückbares Lächeln und ein plötzliches, sodass es nicht von einer guten Laune herrühren konnte. Ich frage mich nicht zum ersten Mal, was es mit diesem Erinnern auf sich hat, mit diesem zweiten Erleben. Einen Kuss werde ich im Nachhinein anders erfahren, in einen anderen Zusammenhang versetzten, vielleicht barockisieren. Jedenfalls werde ich ihn mir aneignen als Erinnerung. Oder ich werde ihn für immer vergessen, wer kann das schon sagen. Manchmal aber weiß man schon vor dem eigentlichen Erleben, dass dies in Erinnerung bleiben wird und es ist einem leid um die unmittelbare Erfahrung. Im Kuss sollte ich nicht an die Erinnerung daran denken. Aber ich wäre auch nicht einverstanden, zu sagen, wenn du dich erinnerst lebst du nicht und wenn du gerade lebst, erinnerst du dich nicht. Wie furchtbar kann es sein, die Erinnerungen anderer anhören zu müssen.
Mit dem Erinnern und dem Unauslöschlichen hat es irgendwas auf sich, mein Geistreicheln war etwas mager. Aber vielleicht ist das vielmehr eine Sache des Schreibens als des Philosophierens.
Der Wunsch, zu messen, wird dich jetzt nicht verwundern. Ich habe mir ein Anemometer gekauft. Es ist mir gleich bei der ersten Messung in den Sand gefallen. Ich stand am Spielplatz und hielt es in die Höhe und anstatt ein Foto von mir zu machen, was einer ähnlichen Haltung bedarf, maß ich den Wind. Ein paar Kinder sahen erstaunt zu mir auf, doch gab ich keine Erklärung ab. Ich möchte auch dir nichts weiteres dazu sagen, außer, dass ich, daheim angekommen, das Gerät in der obersten Schublade verstaute, dort, wo sich auch meine Fäustlinge und Hauben befinden. Ich besitze übrigens eine blaue Baskenkappe, die mir meine damalige Freundin als Geschenk gab, woraufhin ich unsere Beziehung beendete. Die Baskenkappe hatte damit überhaupt nichts zu tun, wie du dir denken kannst, doch biete ich dir an, sie dir zukommen zu lassen, denn sie steht meinem schmalen Haupt keineswegs.
Abschließend muss ich noch erwähnen, dass ich wieder im Schwimmbad war. Das war einen Tag vor dem Anemometerkauf und hat damit soviel zu tun wie die Baskenkappe mit meiner ehemaligen Beziehung. Leider sahen wir uns nie nackt, muss ich rückblickend sagen, doch wir waren auch sehr jung, jünger noch als heute.
Jedenfalls, horche gut zu, ich blieb angezogen im Bad. Ich saß im Restaurantbereich und sah auf die Strampelnden. Ich wollte dem Sitzer neben mir einflüstern, Sie, auch ich strampelte dort schon öfters, und werde es wieder tun. Denn er wirkte recht sicher bei seinen Beobachtungen und es war, so dachte ich, jederzeit möglich, dass es aus seinem Mund tropft. Doch wer bin ich, ihn nicht gewähren zu lassen. Er nutzt diese Einrichtung, diese Glasscheibe, die ihn von den Halbnackten trennt und ich profitiere davon, dass er dieses Angebot annimmt. Ein Angebot der städtischen Bäder. Ich blickte also auf die Schwimmenden, auf die gleitenden Körper, auf den alten Herren, der auf der Liege zurückgelehnt rastete, unentwegt rastete, und allen nur seine alten Füße vorsetzte, allen auftauchenden am Beckenrand seine Füße zu verstehen gab. Ich blickte auf die sich räkelnde Frau, die ins Becken stieg. Jeder verhielt sich, als gebe es für ihn nur dieses Verhalten. Was für eine Selbstverständlichkeit in dieser Atmosphäre, dachte ich. Jeder ein Hinnehmender, ein sich Einfügender, wie aufheiternd und ermuntern das auf mich wirkte. Jeder ging seiner Aufgabe nach, niemand berührte sich, eine einzige Stimmigkeit. Ich bekam meine Suppe serviert, mir war heiß mein Lieber, elendiglich heiß.
Ich empfehle dir übrigens, auch beim Essen meine Berichte zu lesen, jedenfalls in einem lässigen Nebenher und Nebenbei. Wie viel Wind sich draußen schon wieder verzeichnen lässt, wie brav sich die Äste bewegen lassen. Das haben sie, wie auch mancher noch junger Stamm, mir voraus, dieses beständige Hin und Her im Wind. Ich melde mich wieder.
Machs gut und dann mach es wieder anders,
dein V.