Lieber Silvester,
du wirst mir gestatten, endlich vom Frühling sprechen zu dürfen. Die warme Luft ist an manchen Tagen schon eingekehrt, eine allgemeine Erheiterung ist festzustellen, wenn man nicht genau hinsieht und die Kaffeehäuser und Gaststätten folgen allesamt der glänzenden Idee, Tische und Sesseln hervorzuholen und auf den Gehsteigen zu platzieren. Nenn mich wie du möchtest, doch ich habe letztens mit ganz frühlingsfernen Angelegenheiten zu tun. Ich verbrachte viel Zeit zu Hause und trage noch eine Winterjacke, wenn ich ausgehe. Zugegeben, meine Fenster stehen schon offen unter Tags, denn ich verschließe mich nicht der reizenden Entwicklung im Freien und möchte mit den Zuständen, die unter Tage herrschen nichts zu tun haben. Wenn mich ein Freund anriefe, und meinte, er säße im Gastgarten und der Kellner wäre bereit, ein kühles Bier zu bringen, ich würde nicht zögern, mich zu ihm zu setzten. Doch ich muss selbst tätig werden, denn die Leute, so scheint mir, vergessen über den Winter den Schatz an Erkenntnis, der sich im Gastgarten finden lässt.
Wie auch immer bekam ich einen Anruf von einem Freund, den ich letztens glaube ich Heinrich nannte, und Anrufe können Großes bewegen. Ich wusch zufrieden ab, wobei sich hin und wieder ein Lüftchen in meinen Haaren verlor und ein paar Vögel wollten in unmittelbarer Nähe etwas kundtun. Ich wusch ab und dachte über eine junge Frau nach, die mich auf der Straße nach ihrem Ausweis gefragt hatte und dann läutete das Telefon. Mein Freund lud mich ein, mit ihm und anderen im Fernsehen ein Fußballspiel anzuschauen. Ich sagte ja, und dass auch ich dem Wetter viel abgewinnen könne, dass auch ich dem Winter nicht überdrüssig sei und er sagte, dass es wie es ist auch weitergehen könne und dass wir uns ohnedies am Abend sehen würden. Der Bekannte meines Freundes, bei dem wir uns treffen sollten, wohnte im Dachgeschoß eines unscheinbaren Hauses in der Innenstadt. Als ich aus dem Lift trat, musste ich feststellen, mich bereits in der Wohnung aufzuhalten. Ich sah eine ausgelassene Runde, die vor einem großen Fernseher versammelt war. Der Raum vor dem Bildschirm war dermaßen verstopft, dass ich, um einerseits den Freund begrüßen und andererseits das Spiel verfolgen zu können, mich in einen Spalt hinknien musste. Ich war eingezwängt zwischen einem Sofa und einem Tisch. Die Tischplatte ragte mir zum Kinn und ich bemühte mich sehr um meine Miene. Hinter mir saßen der Freund und der Wohnungsbesitzer. Das Spiel war im Gange. Ich versuchte meine Situation zu bewältigen und ein Interesse für das Spiel, das ich selbstverständlich hatte, zu behalten. Dabei spürte ich stets den Fuß des Wohnungsbesitzers, der viel höher saß und mich dann und wann streifte. Er saß da wie ein Besitzer dasitzt. Und dabei spürte ich auch die Hand des Freundes, die mich an der Schulter fasste, um mich ins Gespräch zu locken, das fortwährend von den Ereignissen am Bildschirm unterbrochen wurde. Ich dachte an meinen zukünftigen, möglichen Job und ob es mir gestatten sein würde, die Spiele zu verfolgen oder ob ich hinter der Kassa verweilen werde, um Spätgekommene zu bedienen. Vielleicht würden sie mir einen kleinen Fernseher hinstellen und, nachdem sie mir diese Einrichtung zeigten, aufmunternd auf die Schulter klopfen und sagen, das wäre doch keinesfalls möglich, mich vom Spielgeschehen fernzuhalten. Ich habe große Befürchtungen, musst du wissen, was diesen Arbeitsplatz betrifft, ich stelle mir meinen Vorgesetzten als riesigen Menschen vor, der einem Eisberg gleich aus dem nichts auftaucht, um die Arbeit seiner Untergebenen zu prüfen. Die Runde plärrte und ich saß darin, wie jemand der sich nicht interessiert. Ich musste an die schon erwähnte junge Frau denken, sie sah wie eine Ursula aus, sie sprach mit folgenden Worten auf mich ein: Entschuldigung, können sie mir helfen? Ich warte hier schon so lange und wissen Sie, wo mein Ausweis ist, oder ansonsten haben Sie vielleicht ein paar Minuten, mir bei der Suche zu helfen? Ich hatte es nicht eilig gehabt, ich litt unter einer Uneiligkeit wohin zu kommen. Ich konnte aber nicht anders, als zu verneinen und zu verschwinden. Ihr Anliegen verunsicherte mich und traf mich zugleich, sodass ich wie verwundet von ihr weg musste.
Nach dem Spiel gingen wir auf die Terrasse, es kann furchtbar sein, wenn einem alles zu Füßen liegt, wie es auch ganz musisch sein kann auf einen Turm zu steigen und auszublicken. Die Bekannten des Freundes unterhielten sich über die erleuchtete, strahlende Stadt vor ihnen, wie Könige sprachen sie. Der Freund, um nicht Heinrich zu sagen, griff mir auf die Schulter, als er mich den anderen über meinen Namen hinaus vorstellte. Sie nickten gutmütig und voll Verständnis für die Worte, die er sprach. Ich dachte nur, ich stellte mich ja schon vor sie hin.
Um aus dem Gespräch zu verschwinden, täuschte ich vor, angerufen zu werden, denn ein Anruf kann Großes bewegen. Ich teilte dann den Leuten mit, dass ich woanders hin müsste, das hätte ich ganz vergessen. Heinrich schrie „Scheiße, dass das heute ist!“
Wie wir zurück in die Wohnung gingen, bemerkte ich erst die Reste eines Abendessens, welches vor meiner Ankunft stattgefunden haben musste und dessen Bezeichnung „Nachtmahl“ im Verschwinden begriffen ist. Ich verabschiedete mich. An der Türe angekommen, versuchte ich vergebens, diese zu öffnen. Ich drehte den Schlüssel wie ich nur konnte, doch die Türe blieb versperrt, so fest ich auch an der Klinke zog. Da bemerkte ich erst den Wohnungsbesitzer, der auf mich zukam und lächelte. Diese Türe, meinte er, wird gewöhnlich nicht benützt, sie führt zum Stiegenhaus. Er öffnete eine Türe ohne Schloss und Schlüssel und ich trat winkend in den Lift. Darauf hatte ich ganz vergessen. Im Lift war die Hinterseite ganz ein Spiegel. Am Heimweg dachte ich an die Hoffnung im Gesichtsausdruck der jungen Frau. Ich rief einen Freund namens Franz an und fragte ihn, ob wir uns nicht treffen könnten, vielleicht hätten wir sogar etwas ausgemacht und beide darauf vergessen und jetzt erst erinnerte ich mich.
Jetzt schmerzt mir alles vom vielen schreiben und nachdenken, ich hoffe ich habe auch Wahres gesagt, soviel habe ich nachgedacht. Ich wollte an dieser Stelle meiner Nachricht ganz woanders sein. Es ist, wie wenn man aus dem Taxi aussteigt und sich wundert wohin man gelangt ist. Ich denke jedoch, du hast Entscheidendes über meine Beziehung zu Heinrich erfahren, die auf einem Irrtum beruht. Das ist noch lange keine Katastrophe. Ohne Irrtümer, keine Beziehungen. Den Frühling muss ich noch würdigen, keine Frage. Der Frühling kommt so unroutiniert, das gefällt mir. Er weiß, was er tut, wenn er mit dem vielen Sprießen und Aufblühen spricht: Sind das Wiederholungen? Aber ich traue mir nicht zu sagen, dass ich vom Gegenteil nicht auch überzeugt sein könnte, dass er also gar nicht weiß, was er tut. Sicher ist nur, wenn mich jemand anriefe und meinte, er würde sich mit dem Gedanken herumschlagen, heute noch mit dem Ringelspiel zu fahren, ich würde ihn ermuntern, auf den Frühling verweisen und mit ihm gemeinsam im Kreis fahren. Worauf warten sie?
Mit verzagten Grüßen, V.