Lieber Silvester,
blicke ich aus dem Fenster, was keine Selbstverständlichkeit darstellt, so sehe ich einen Gartenschlauch im Gras, der sich weit durch den Garten schlängelt, sich aufrichtet und mit seiner Öffnung in den Händen der Nachbarin liegt. Die Nachbarin führt den Wasserstrahl spazieren und erzeugt die schönsten Geräusche des Raschelns und Regens. Sie schont die Blumen, indem sie das Wasser in hohem Bogen über sie kommen lässt, sie wirkt zufrieden, als belohnte sie auch sich. Welch ein lauer Abend steht uns bevor.
Gestern war mir ein Hirngewitter bevorgestanden. Zum gestrigen Tag kann ich sagen: In der Fußgängerzone war ich unterwegs. Eine Hausfassade wurde neu gestrichen. Das Haus glänzte schon halbwegs gelb, es roch, dass es einem den Appetit verdarb. Im Himmel klarte es auf, der Asphalt war noch nass und man roch den vergangenen Regen. Ich ging im Schutz der Menge dahin, doch es war mir nicht ganz bequem zumut. Der Gedanke an die Kiefersperre ließ mich nicht los. Es dauerte, bis ich meinen Mund wieder vergessen konnte. Sei gewarnt, je nach Glück oder Unglück findet man sich mit geschlossenem oder geöffnetem Maul und möchte davon sprechen oder darüber schweigen. Von den Baumkronen tropfte es noch herab, ich strich mir durchs Haar.
Wenn ich mich nicht täusche, galt meine gebündelte Aufmerksamkeit dann einem Trafikant, der stand vor seinem Laden und wartete darauf, den nächsten Besucher hineinzubegleiten. Er sah einen herankommen, ging dem Gast zuerst nach, an der Budel war dieser aber gezwungen stehenzubleiben und seinerseits zu warten. Der Trafikant überholte ihn an dieser Stelle , stellte sich seinem Gast gegenüber und nahm die Bestellung entgegen. Die Zigarettenpackung fiel beim Entnehmen aus dem Regal auf den Boden. Er hob sie auf, stöhnte unter dem Schmerz im Rücken und nahm das Geld entgegen. Der Gast zündete eine Zigarette an, dies kündigte er auch an, doch er kündigte nicht an, gleich darauf eine Waffe zu ziehen. Bis dahin rauchte er aus und blätterte in ein paar Illustrierten. Der Trafikant begutachtete leicht gebückt seine Versandlisten und beruhigte sich, an einem Bleistiftende kauend. Weltweit hat noch niemand es zustande gebracht, Versandlisten zu begutachten ohne an einem Bleistift zu kauen. So machte er keine Ausnahme. Hier ging es um Bewältigung und Besänftigung zugleich. Der Trafikant hatte längst aufgehört zu rauchen, hatte sich längst scheiden lassen, wie er mir einst anvertraut hatte. Der Gast bekam nackte Frauen zu Gesicht. Er blickte auf, sagte dann unverwandt, das seien die schönsten Farben jetzt, wenn man in den Wald ginge. Scheißegal, ob man Pilze suche oder Fahrrad fahre, seien das die schönsten Farben jetzt. Er sagte, er habe sich gedacht, das reiche, wenn er sich auf die nächste Bank setze und in die Luft schaue, die Farben sehe. Der Trafikant nickte und bestätigte, das reiche, sagte er. Der Gast zog dann einen Revolver, das versetzte den Trafikanten zuerst in Schrecken, doch der Lauf war bald gegen die Schläfen des Gastes gerichtet und beförderte die Kugel nun in dessen Kopfinneres. Der Trafikant lief hinaus, lief wieder hinein, an der Budel vorbei ins Hinterzimmer und betätigte das Telefon. Er ging zum Toten, besichtigte diesen kurz, und hob dann die Illustrierte vom Boden auf, um sie wieder einzusortieren. Er wagte es nicht, dem Toten die Augen zuzustreichen, doch er überlegte lange, dachte an die Filme, in denen das Augenschließen der Verstorbenen vorkam und ärgerte sich ein wenig über seine Berührungsängste. Die Rettung traf nie ein. Der Krieg brach aus. Die Erde verschwand unter meterdicken Eisschichten und flog fortan als Schneeball durch das All.
Ich rieb mir die Augen und richtete mich wieder auf, denn ich war kurzzeitig auf eine Bank niedergesunken. Ich ging dahin, ein Geruch erreichte mich und ich dachte an den Wacholder am Ufer des Sees, wo ich als Kind öfters den Sommer, ganze Nachmittage im Wasser verbrachte. Seine Beeren sind ungenießbar. In seinem Schatten tat ich rasten (ich rastete klingt nach einer Hektik, von solch einer Hektik war noch keine Spur, weshalb es tat rasten heißen muss) und später tat ich dort masturbieren (hier klingt die notwendige Hektik im tat und es muss auch hier tat masturbieren heißen). Ich tat also dort masturbieren, wenn niemand zugegen war. Dann sprang ich ins Wasser und lag als toter Mann, wie man das nennt, auf der Wasseroberfläche, Beine und Arme weggestreckt. Ich drehte mich bald wieder, denn meistens war es unheimlich, die Augen zu verschließen, so weit vom Ufer entfernt. Die Sonne war blendend. Die Bojen mochte ich im Namen und erwähnte sie stets, um das Wort zu hören.
In die Fußgängerzone möchte ich zurückkehren. Ich hatte also an den Wacholder gedacht und mich am aufklarenden Himmel entzückt. Von den Fußgängerzonen wird bald wieder eine längere Rede sein, bedauere ich, beteuere ich dir. Sie sind nicht zu umgehen. Bald wird es auch an der Zeit sein, irgendetwas auszusagen. Bald wird Gras über die Sache gewachsen sein, wenn ich sie nicht erwähne. Ich ging später am Bahnhof vorbei, dem Herz jeden Ortes. Ich kann es nicht erwarten, meine gute Bekannte, ich möchte sie Fridoline nennen, wiederzusehen. Sie erwartete mich einst am Bahnsteig, sie winkte und ich ging durch den halben Zug um an ihrer Stelle auszusteigen. Wir gingen stundenlang durch die Stadt zu ihrer Wohnung. Immer wieder schlang sie ihren Arm um mich, als fürchtete sie, ich könnte unbemerkt abzweigen und verschwinden. Sie führte mich eine Weile, dann ließ sie wieder los. Ich war sehr berührt von diesen Stunden. Ich schreibe ihr ungefähr wöchentlich eine Kurzmitteilung, doch sie antwortet kaum. Ich schreibe ihr meist bei Sparklehorse und ich schreibe meist in den harschesten Formulierungen. Sie schrieb einmal, dass es um sie herum geistern würde und ich antwortete nicht, denn ich bekam es mit der Angst zu tun. Ich schrieb ihr, dass ich mich für sie frisiert hätte und sie antwortete nicht. Ich kann es nicht erwarten, Fridoline zu sehen, vielleicht maultrommle ich ihr dann. Lass uns bald die Köpfe in den Wind halten, schrieb ich ihr. Und: Jetzt sind die schönsten Tage.
Dein V.