11. Die Geburtstagsfeier, die schlechte Haltung und Gott

Lieber Silvester,

gestern war ich bei einer Geburtstagsfeier und wusste nicht, was bei diesem Zusammensein schlimmer war, Geburtstag zu haben oder nicht Geburtstag zu haben. Ich verließ zeitig das Lokal, gekonnt erfand ich einen Vormittag, der mir bevorstünde, einen Vormittag voller Termine und Verpflichtungen, die ich hellwach wahrzunehmen hätte. Natürlich hatte ich mir andere Worte bereitgelegt, doch ich weiß noch, am Ende wiederholt zu haben, dass es wichtig wäre, morgen hellwach zu erscheinen.

Zu Hause blieb ich noch einige Stunden wach. Ich saß vorm Computer und studierte die Nachrichten, schweifte ab und zu ab und zu und lehnte mich zurück. Von diesem Konflikt im Nahen Osten hatte ich mir mehr an Eskalation erwartet. Es wird bald niemand mehr davon sprechen. Ich las von einem Traktorenunfall und ähnlichen Fällen in letzter Zeit. In dieser Saison häufen sich Tragödien im Wald. Mir war es dann, als konnte ich mich an den Klang meines Namens nicht erinnern. Also sprach ich darauf los. Es pochten mir die Schläfen, wenn ich den Kopf in die Hand legte. Es ist ein Glück, dass ich mir nicht vorgenommen hatte, heute zu komponieren, ich hatte mir allerdings noch nie vorgenommen zu komponieren und habe auch nie ohne Vorhaben zu komponieren angefangen. Ich wollte mich fest in die Arme nehmen, aufheben und wegtragen. Ich wollte in das lichte Cafe gebracht werden, auf die weintraubennahe Bank im späten Sommer, auf eine Anhöhe vis-a-vis unter den leicht bewölkten Himmel. Ich griff zu meinem Handy. Ich fotografierte den Schatten meines Fußes unterm Schatten meines Schreibtischlampenschirms. Es sind die schönsten Momente, wenn die Vorstellung eines Publikums amüsiert. Wenn es einem leid tut, nicht gesehen zu werden. Das war hier nicht der Fall. Ich bemühte mich um eine aufrechte Haltung. Es war an der Zeit, Haltung einzunehmen. In ein paar Tagen musste ich gestellt sein, wie man sagt. Ich liebte es immer schon, vor den Leuten zu erwähnen, morgen gestellt sein zu müssen. Also freute ich mich über jede Gelegenheit, die mich gestellt zu sein zwang. Ich werde hingestellt sein und sie werden mir sagen, ob ich genüge oder nicht. Das ist wiederum ein schrecklich banaler Moment. Ich werde den Hut ziehen, wenn sie mich ablehnen. Einen solchen muss ich mir allerdings erst besorgen.

Übrigens, ich schrieb während der Geburtstagsfeier feinste Lyrik.

wenn sieben am Tisch
ich tische mich Tier auf
eins, zwei, drei Tier
zwei über die Lieb
zwei über die Tod
zwei überm Bier sein sachte

mein Eingeweid ist aufzutischen
wenn sieben Mahlzeit rufen
tat ich schon Schneeglöckchen läuten

Als mich jemand fragte, was ich hier tat, sagte ich, ich würde feinste Lyrik schreiben, worauf sie sich abwandte.

Morgen werde ich, so Gott will, Gulasch kochen. Glaube nicht, dass ich das billigste Fleisch verwenden werde. Wie wohl tut es, das Wort „Gott“ zu verwenden, zumal in dieser Konstellation. Ich vermisse einen Gläubigen in meinem Bekanntenkreis, welcher regelmäßig Kirchen besucht und mir Termine von Orgelkonzerten zuflüstert. Ich vermisse einen Bekanntenkreis. Einen echten Christen! Mein Großonkel war gläubig, doch ging er in kein Gotteshaus. Von ihm war noch nicht genug die Rede und in frühester Bälde muss eine tiefer gehende Rede von ihm folgen. Er spricht zwar, Gott sei Dank, nicht zu mir, doch erinnere ich mich seiner, wie man sagen könnte, und erinnere ich mich seiner ungewöhnlichen Weise, seine Standpunkte zu verorten, und den Alltag zu bewältigen. Was ich mit ihm verbinde ist Gram.

Ich habe mir übrigens gedacht, dass sich eine Spannung im Dichten zwischen dem D und dem T befindet, gedacht, ein lautlicher Sinn ist in dem Wort schon enthalten. Auch ein inhaltlicher Sinn. Es mag Dichter mit D geben und Tichter. Ich habe dann aufgehört zu überlegen. Das war in der U – Bahn, glaube ich, zur Zeit des Stoßverkehrs. Ich wünschte du könntest mir beipflichten. Draußen windet sich die Lärche.
Morgen soll es, laut Wetterbericht, im Flachland regnen. Es ist wichtig, zu wissen, wovon die Rede ist, wenn vom Flachland die Rede ist und wenn vom Regen die Rede ist, weiß ich bescheid.

Lass es dir nicht verdrießen, dein ferner Reiter, V.