10. Das Aufnahmegespräch, der Tod des Großonkels und Spazieren im Winter

Lieber Silvester,

ich muss gestehen, ich bin mir nicht sicher, mit welcher Begründung ich in wenigen Wochen zum Aufnahmegespräch antreten werde. Auf welche Weise ich mich von der besten Seite geben werde, wie werde ich ihnen diese Seite zuwenden können? In meiner Vorstellung werden es mehrere Leute sein, die mir gegenübersitzen, doch sollte ich auch die Situation eines Einzelgespräches in Erwägung ziehen. Ein Einzelner könnte entscheiden, ob ich geeignet sei, den Stadionbesuchern ihre Karte auszuhändigen, diesen Empfangsdienst zu leisten. Auch der Umgang mit der Kassa und das Erteilen von Auskünften wird besprochen werden und erheblich zur Beschlussfindung beitragen, hieß es in einem Telefonat letzte Woche. Die Auskünfte werden wohl nicht von philosophischer Art sein, meinte ich, und der Herr am anderen Ende der Leitung, wie man das so sagt, pflichtete mir bei. Ich weiß nicht, ob mir mein Großonkel zu solch einem Job geraten hätte und hoffe das gereicht als Übergang. Wahrscheinlich hätte er mich unhöflich angeschwiegen. Als er starb, sagte man mir, es sei im Freien passiert. Ich stellte mir vor, wie er an einem Teich im Park niedersank und ein paar Meter vom Ufer von Enten umgeben dalag. Ich hatte seinen Tod in diesem Bild manifestiert, das in hellen Farben festhielt, was weder ich noch meine Verwandten gesehen hatten. Ich hörte, dass es nicht lange gedauert hätte und niemand bei ihm gewesen wäre. Ich ging im Wohnzimmer meiner Großtante umher und nahm alles auf, was mir niemand sagen wollte, als wäre ich daran nicht interessiert gewesen. Woher die Gewissheit, dass es nicht lange gedauert hatte, fragte ein Verwandter, da saßen wir schon im Wirtshaus. Der Doktor war in der Lage gewesen, das nachzuvollziehen, war die Antwort.

Das Haus meiner Großtante liegt etwas abgeschottet in einer Landschaft leichter Hügel, ich möchte sagen, in einer geschwungenen Landschaft. Schön ist es im Winter über die gefrorenen Äcker zu gehen, denn das Land scheint auf eine Art zusammengewachsen zu sein, unter dem gefrorenen Boden, wenn nur wenig Schnee alles übermalt und einem die Freiheit des Weges ist. Es wird einem erhaben zumut, diese Betäubung zu durchschreiten. Es ist ein Flug, nichts scheint sich zu regen. Und doch vergeudet man sich darin, da einem so vieles abgenommen und nicht wieder zurückgegeben wird. In dieser Einheitlichkeit ist keine Einfachheit. Die seltsam geführten Spuren verfolgen einen. Und das Schrittgeräusch verfolg einen, doch braucht man sich nicht umzudrehen, wozu auch. Vielleicht ist es hier nützlich, von einer Perspektive von hochob auszugehen, um etwas auf sich schließen zu können, um sich etwas Bedeutung zukommen zu lassen. Was man darstellt, ist ein wanderndes Ziel, ein Kontrast, der sich in ein weites Meer zu begeben scheint, dann, an einer Stelle in den Wald eintritt und auf die Farben stößt, die der Wald sich behalten konnte. Und manches Mal dreht man sich, um zwischen den Stämmen die Weite zu suchen. Es geht übrigens darum, auf einem anderen Weg nach Hause zu gelangen, als man sich von diesem entfernt hat. Dafür kann es keine Erklärung geben, das erleichtert ungemein und es hieß, dass er im Freien starb.

Viele Wochenenden habe ich dort verbracht, um nun solch eine Beschreibung abzugeben. Ich hoffe, du warst deinerseits nie müde, im Winter spazieren zu gehen, doch verstehe ich auch, falls du stets vorgezogen hast, in der Nähe des Kachelofens zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen. Ich hoffe, du schaust nicht gerade jetzt aus dem Fenster, da du das liest, das lässt sich nicht vereinbaren.

Es ist unheimlich schwül, ich kann kaum eine Zeile lesen, soviel habe ich mir für heute vorgenommen. Es ist kurz vor 12, vielleicht ist dir das ein nützliches Detail. Du könntest vermutet haben, ich schreibe lediglich nachts und bei Kerzenlicht. Ich halte nichts von Kerzen, hab jedoch große Freude, mit ihrem Wachs kleine Bälle zu formen. Ich werde morgen ein Grablicht kaufen und zum Friedhof gehen.
Es ist unheimlich schwül und nicht verwunderlich, dass ich mir nichts als Frost wünsche, ungetrübten und herzlichen Frost.

Ein weiterer Gruß, V.