Lieber Silvester,
jetzt gilts. Nach einem zauderhaften Tag habe ich mich durchgerungen, dir zu schreiben. Ich bin mir sicher, was du davon hältst. Nach meiner Vorstellung sitzt du in einem Abteil eines Nachtzuges, blickst einsam aus dem Fenster, ärgerst dich, nichts von der Landschaft zu sehen und nimmst dir dann dieses Schreiben vor.
Vielleicht hast du deine schwarzen Haare lange nicht mehr der Schere ausgesetzt und sie bewegen sich leicht hinter deinem Kopf, denn das Fenster ist einen Spalt weit offen. Vielleicht sehen sie nur so schwarz aus, in der Finsternis, durch die du fährst.
Es ist schade, mir fehlen die Worte. Tagelang habe ich kein Wort gesprochen, außer ein Bitte, als sich jemand bedankte. Aber, falls ich jetzt nicht weitermache, schreibe ich dir wieder. Einen Neugeborenen würdest du doch auch nicht mit der Frage konfrontieren, worum es sich hier handeln würde.
Ich bin in der eigenartigen Situation, bereit zu sein. Die Pflanzen sind in gutem Zustand, die Essensreste habe ich von den Zähnen entfernt, den Lampenschirm vom Staub befreit und frische Socken meinen Füßen übergestreift. Leider gibt es keinen Grund, bereit zu sein, wie leid es mir tut. Würde es klingeln, ich ging zum Schrank, setzte mir die erstbeste Haube auf und öffnete dann die Türe.
Ansonsten ist mein Nachbar unlängst zusammengebrochen, worauf ich ihm aufhalf und meine Bekannte Gertrud, von der die Rede sein wird, fing an, mich zu mögen, wie sie sich ausdrückte. Ich glaube, der Tisch, zu dem wir uns aus Bequemlichkeit hinsetzten, stand unter einem Ahornbaum. Wir waren herumspaziert, wie sich das so ergibt und ich wusste nicht, ob ich es war, der sie begleitete oder ob sie es war, die mich begleitete. Dann, als wir dort saßen, sprachen wir von der Privatisierung des Bahnwesens. Das war gleich nachdem ich mich auf meinen Sessel niederließ, Kaffee bestellte und dachte: Jetzt heißt es Reden und Zuhören im Gleichgewicht zu halten. Später fiel ein Blütenstand des Baumes in ihre Haare, den ich herausgriff und lässig wegschnippte, sodass wir ihm beide nachsahen, länger nachsahen, als es etwas zu sehen gab. Ich muss alles weitere verschieben, am Herd ist alles am Übergehen und Anbrennen, ich werde gebraucht, könnte man meinen.
Ich frage mich, was ich zu sagen habe, wenn niemand zugegen ist. Ein schlechtes Wetter wird auch nicht besser, wenn man hinter sich die Türe schließt und sich trockenes Gewand anzieht, als wäre nichts passiert.
Ich hoffe auf Kapriolen.
Grüße, V.