Liebe S.,
gestern hattest du Geburtstag, durch einen Zufall habe ich mir das Datum vorgemerkt und denke seither daran, es fasziniert mich, es hat für mich, getraue ich mir zu vermuten, einen höheren Wert als du ihm, deinem Datum zumisst.
Ich muss eingestehen, gestern erging es mir wieder wie dem Vogel, der an nichts zu denken vermag als an seine Landung, ihr ordnet er alles unter, denn sie ist seine Ungewisse. Ich ging umher und erging mich an mir. Ich ging einkaufen, prallvoll war das Geschäft und ich konnte meine Lebensmittel nicht tragen. Es handelte sich um einen Sack Bananen, Semmeln, Käse und Milch, der ganze Weg zur Kassa und der gesamte Heimweg war mein Flug und ich konnte die Lebensmittel nicht händeln, sie derartig in den Händen ordnen, dass sie mir nicht entfallen konnten. Mir war übel und die Straßen waren bevölkert von der Weihnachtsgesellschaft, deren Zugehörigkeit sich die Leute fleißig bewiesen. Ich raste durch die stets stockende, stets unerträglich schlendernde Masse.
Wie steht es um dich, und wer, in dieser Zeit? In meiner Vorstellung stehst du unter einem Engelflügel in der Innenstadt und wartest. Ich vermute du hast Pläne, du hegst sie und bist daran sie umzusetzen, du lachst wohl viel, wohin? Ich meine für wen, denn du lachst niemals in dich hinein. Du bist mein Hirngespinst, wann sich das ändern wird? Was mich betrifft, mein Oberkörper liegt neben meinem Schreibheft am Tisch, bald wird mich der Schlaf holen.
Neulich stand ich unweit des Fensters, wo ich mich gehen ließ. Ich übernahm mehr und mehr eine Haltung, eine Miene, die verräterisch war, die mich schließlich zeigte, und ich sank in mich, ich versank und stellte plötzlich meine Katastrophe dar, ich schielte bis ich den Blick verlor. Doch die Nachbarin passierte und entdeckte mich dastehend wie umnachtet in der Mittagszeit, da bedeckte ich langsam mein Gesicht mit der Hand. Bevor mir das gelang sprach ich meinen Namen aus. Ich rief mich flüsternd. Dann ging ich zum Bruder, der nebenan war. Kannst du dir vorstellen eine Katastrophe darzustellen?
Wie trägst du dein blondes Haar? Fällt es lässig herab und bedeckt deinen obersten Wirbel nur? Woher nimmst du die Geduld, mir nicht zu schreiben?
Die Tage sind lang und reine Erwartung. Bald sind die Feiertage, ich verehre dich wie nie.
Dein V.