Vierter Brief

Liebe S.,

ich denke an dich, wie ein Kind an einen Tag voll Freiheit. Ein Tag, der nur dazu da ist, bespielt zu werden. Bald ist Frühling, nicht? Knospen um Knospen. Woher nimmst du eigentlich die Gewissheit, dass Frühling wird. Nun ich vergewissere es dir. Im Mai werde ich neue Schuhe kaufen und ganz ohne Druck mich im Flanieren üben, wenn es wieder gilt sich vermehrt im Freien aufzuhalten. Wie leicht du deinerseits durch die Straßen gehen wirst, beim ersten warmen Sonnenschein und alles wirst du bereichern, alle Ödnis aufwiegen mit deinem Glanz. Nur die Jahreszeit kann solch seltsame Anwandlungen von Freude bescheren. Doch bisweilen herrscht Herr Februar.

Den gestrigen Tag und den bisherigen, heutigen, das sei dir bewusst, sitze ich und saß ununterbrochen am Fenster und hörte nichts als den Kühlschrank. Ich glaube, wenn ich wollte, könnte ich mich wahnsinnig werden lassen, aber umgekehrt weiß ich nicht, ob ich es verhindern könnte. Wenn du wüsstest, wie der Kühlschrank klingt, wenn ich wüsste, dass du darin säßest, ich taute dich nicht auf. Ich habe mich an dir abgegessen, du verlierst an Farbe, Wärme, Frühlingshaftigkeit und ich gewinne daran nicht. Du erstarrst zur Ikone, dabei veränderst du dich wohl sehr eifrig, vervollkommnest dich.

Kannst du dich an das Lokal erinnern, wo wir zweimal zusammen waren, und ich dich anrauchte, als du mir davon erzähltest wegzufahren, abzuhauen, wie du dich ausdrücktest, und ich meinte ich könne womöglich mitkommen und dann lachte aus Verlegenheit über deine Verlegenheit. Und du dann vorgabst, dies sei nicht abwegig, und mich gleichzeitig vertraut machtest mit allen Unbequemlichkeiten der Reise, wie du sie seit geraumer Zeit im Kopfe trägst und ich dir dann vom großen Heimweh erzählte, wie man Schülern das Weltall näherbringt, so fern war es dir.

Jedenfalls saß ich vor kurzem wieder darin. Du hättest mich sehen sollen, ich war turbulent. Die Achterln ins Hirn und hinausgezwitschert. Durch den Eingang kam dann die Drossel und sang vom tobenden Verkehr. Du hättest mich sehen sollen mit der Drossel, ich führte sie Arm in Arm zum Feld meiner aufkeimenden Gelüste und schlief alsbald angekommen ein.

Doch das muss dich zurecht abschrecken, meine Liebe. Was bin ich dir, dir nichts zu verschweigen? Ich werde es auf Umwegen erfahren, auf Unwegen. Ich habe nämlich beschlossen, als ich keck meine Gedanken flussabwärts trieb, von nun an auch deine Seite einzunehmen, mein vis-a-vis zu übernehmen und doch nicht mir selbst vis-a-vis zu sein. Ich werde nunmehr für dich schreiben, wenn du es nicht tust, und weiterhin an dich. Sobald ich aber von dir höre, möchte ich dieses Unternehmen, das nicht ohne Aufwand sein wird, fallen lassen wie ein faules Stück Fleisch. Bis dahin soll es mir schmackhaft sein und mich erfreuen. Unser Lied ist nicht zu Ende und reich an Refrains. Ein Wort von dir würde mich großartig beflügeln, mich in die Lüfte jagen. Doch du wirst nicht grundlos handeln, ich darf nicht erzürnen. Nein.

Ich leihe mir die Idee des selbstständigen Zurückschreibens von Unica Zürn, und verbleibe mit ihren Worten um nicht meine zu gebrauchen.

„mir saß der welke Hals
auf dem wackelnden Kopfe“

Herzlichst, dein unsterblicher V.