Liebe S,
der heutige Grund meines Schreibens ist die Frage, ob du Orgelmusik mit mir horchen möchtest, ob du denn mit mir in die Kirche gehst, was unveränderlich die Voraussetzung für das von mir angestrebte Erlebnis ist, welches mit dir teilen zu dürfen, ich dich inständig bitte. Weißt du, wenn wir eintreten, werden dort Leute sitzen, ich meine hier das Gebäude und nicht den Verein, um das klarzustellen, um ein Missverständnis und deine sofortige Missgunst zu verhindern, es werden Leute sitzen, die glauben, Gläubige, die einen werden ihre Köpfe leicht gebeugt halten, andere ihre Augen geschlossen haben, und das nicht aus Müdigkeit, meine Liebe, nein, weil sie andächtig sein werden und auch ich, das möchte ich vorbereitend erwähnen, werde wohl das eine oder andere Auge schließen und den einen, meinen Kopf neigen, sobald der erste Orgelwind die Pfeifen streift. Ich werde mich ein wenig behimmelt fühlen und mich an der Lehne der vorderen Reihe halten, du musst wissen, die Leute sitzen in strenger Ordnung reihenweise dem Altar zugerichtet, und ich werde dich flüsternd fragen, ob du dich denn nicht ein wenig behimmelt fühlst.
Die Gemeinschaft wird hier und da murmeln, das darf dir nicht unheimlich wirken, und wenn sie zum Gesang ansetzt, musst du dich nicht ausgeschlossen fühlen, es liegen meist auf einem Brett, angebracht an der von mir erwähnten Vorderreihe Bücher mit den zu singenden und zu betenden Texten und durch das ebenfalls erwähnte Reihensystem wird jeder auf ein solches Buch bequem zugreifen können. Ich kann nicht erwarten dein Gesicht zu sehen. Und weißt du, die Orgel ist ein durch und durch durchdringendes, mit seinem Klang durchdringendes, hebendes Instrument, ich kann mir vorstellen, dass deine ersten Worte beim Verlassen der Kirche die folgenden sein werden, sein müssen: Die Musik war von hypnotischer Art, sie hallt noch in mir und nichts deutet darauf hin, dass jemals dieses Hallen aufhören wird.
Das bringt mich zu meiner letzten Ausführung. Beim Verlassen der Kirche, welches in seiner Abruptheit dem Verlassen von Schulklassen gleicht, benetzten jene, die glauben ihre Stirnen mit einem Wasser, das, geweiht, in kleinen Steintrögen am Ausgang auf sie wartet. Es weihen sich also jene, die glauben, und sie werden, wie ich vermute, jedoch noch nie durch Befragung festgestellt habe, an dieser Stirnstelle die kühle Luft im Freien besonders deutlich spüren und für die Vollständigkeit sei hinzugefügt, dass jene Prozedur auch beim Eintritt in die Kirche vonstatten geht. Ich möchte und kann dich auch nicht mit der Vielzahl an weiteren Zeremonien und Ritualen vertraut machen, ich denke spontan an das mündliche Aufnehmen von Oblaten, Zeremonien und Rituale meine ich, welche mir selbst nicht zugänglich sind und deren liturgische Bedeutung ich mir noch nicht angeeignet habe.
An dieser Stelle mein dringlicher Rat, in warmem Gewand zu erscheinen, in den meist steinernen Gotteshäusern ist es zu dieser Jahreszeit sehr kalt, sie sind ungeheizt wie auch das Freie ungeheizt ist, die Mützen aber werden trotz allem im Angesicht des Altars, und also Gottes, abgenommen. Eine ältere Dame erzählte mir einmal, für die Frauen stünde der Hut für ihren Mann, während für Männer der Hut Gott sei, in verdinglichter Form. Er ist mit Gott, wo er auch hingeht, behütet, in der Kirche aber nimmt er ihn ab, hier sei jeder aufgesetzte Hut zwecklos und überflüssig. Doch dies nur nebenbei.
Bei all der Vorbereitung, die ich dir auf diesem Wege zukommen lasse, darfst du eines nicht vergessen, dass wir die Kirche besuchen um die Musik der Orgel zu hören, welche eine Ausgeburt der Kirche und mit dieser unweigerlich verbunden ist, aber davon unabhängig kann es ein unkompliziertes Vergnügen sein, sich durch sie bespielen zu lassen, unter dem Einfluss ihrer Klangfarben endlich zu zergehen. Es ist also beides, Orgel und Kirche, zu genießen oder es ist überhaupt nichts zu genießen.
Ich hoffe zu wirst mit dem schönsten und zierlichsten aller Wörter antworten: Ja. Ich hoffe du wirst dieses Wort neuerlich verlautbaren, wenn ich dir meine nächste Bitte zutragen werde und, wann immer es auch sei, in einem ähnlichen, wenn auch noch umfangreicheren Unterfangen der Überzeugungsarbeit ausführen werde. Es wird sich um die größte aller Bitten handeln: mich zu heiraten, kirchlich. Doch dazu später.
Alles Liebe, dein V.