Erster Brief

Liebe S.,

ich möchte dir anlässlich deines baldigen Geburtstags schreiben, nicht etwa um formelhaft zu gratulieren, sondern um dir gewahr werden zu lassen, dass ich mich dieses deines Geburtsdatums entsinne und dieser Umstand allein meine unzerstörbare und vergleichslose Vorliebe für dich bezeugt.

Wie du weißt, war ich verreist, und dort in der Fremde ist mein Telefon kaputt gegangen, und so verlor ich all meine Telefonnummern, darunter auch deine war. Es ist nun deswegen, dass ich mich brieflich an dich wende und mir ist schmerzhaft bewusst, dass du meine Nummer mitnichten verloren hast, welch ein Zufall wäre dies, und ich nun aus schwacher und erbärmlicher Position schreibe, denn dies hier wird von dir nicht anders aufgefasst werden als eine schamlose Erinnerung an mein Dasein. Meine ersten Worte, deinen Geburtstag betreffend, wirst du enttarnt und als dummen Vorbehalt verstanden haben. Dennoch, ich muss von mir hören lassen.

Es ist nicht lange her, meine Liebe, da habe ich die Verstopfung in meinem Abfluss, d.h. im Abfluss der Abwasch meiner Wohnung gelöst, das könnte dich interessieren. Es ist dies voll Weltschmerz meinerseits von statten gegangen. Ich habe auch einige Friedhöfe besucht in letzter Zeit. Mir scheint Allerheiligen nicht zufällig im Herbst zu sein, diese bunte Zeit des Jahres treibt einen zu den Todesstätten. Bei meinen, meist erzwungenen Spaziergängen, die ich doch mit großem Ernst begehe, fiel mir auf wie viel an Schönheit und Pracht die Natur in diesem Sterbensprozess noch aus den müden Bäumen presst, die kaum noch stehen können. Ich bewunderte die Farben der Buchen etwa, wurde der Bewunderung schnell müde und ging alsbald nach Hause, wo ich in die Laken fiel. Einer Fliege glaube ich mich zu erinnern, die so spät im Jahr noch meinen gebetteten Körper aufsuchte.

Ich bin am Ende meiner Schreiblust angelangt und möchte fragen, ob du dich wohl fühlst, was dich erschaudern lässt. Ich möchte dich heiraten wie eh und je.

Voll mit Liebe, dein V.