Dritter Brief

Liebe S.,

ich frage mich in meinen nach außen hin abwesenden Momenten, ob du meine Briefe erhalten hast. Meine Liebe, wie schön das klingt, nein klänge, wenn jemals ich es ausspräche. Ich frage mich unter welchem Stern wir stehen, so fern es ein „wir“ gibt. Verzeih mir, dass ich derartig träume, so fern es ist, ich frage mich, wo es sich befindet.

Deine Ignoranz verletzt und ich schöpfe sehr eifrig aus meiner Verletzung. Oftmals überlege ich, ob ich mich ob deiner Ignoranz glücklich schätzen sollte, auch weil mir in diesem Zustand der Beziehungslosigkeit überlassen ist deine Person zurechtzuschnitzen. Je weniger du von dir gibst, desto wirklichkeitsfremder mein erinnertes Bild von dir. Mir bleibt es dich zu zeichnen und mir auszudenken, was du treibst Tag um Tag, denn du berichtest mir davon nicht mehr. Es kommt mir vor, als wärest du ausgeschieden vom Leben, vor Monaten schon, und es machte den verschwindensten Unterschied nur, falls du lebtest, was ich annehme.

Ich weiß auch längst keine Fragen mehr, die ich dir stellen möchte. Den Dezember verbrachte ich ereignislos, doch ich lebte zumutbar für mich. Meine Unruhe gewittert nimmermehr, du weißt doch wovon ich spreche, die Stimmung ist klar bisweilen. Ich schare keine Menschen um mich, einzelne, es kommt mir vor, verlieren sich zu mir. Man hält sich, kurz gesagt, fern, und ich betrachte die angesammelten Massen an den Punschständen. Ich verachte die Weihnachtsgesellschaften, doch du weißt, es ist nicht meine Art, außerhalb von mir zu hassen. Ich wünsche nur sehnlichst, dass sie aufgescheucht werden, und sich vereinzeln, sodass sie keinen Schaden anrichten. Sie verstopfen die Stadt, verstellen mir die Straßen, und ihr Lachen ist grölend, wenn es schneit. Sie bewegen sich unmerklich, aber taumeln in verlogenem Müßiggang, den sie sich großzügig gestatten, und so feiern, dass niemand verschont bleibt. Sie kloaken und ich muss Ohren haben, der Gewürzgeruch ist der ekelhafteste, ich habe die Vorhölle vor der Haustüre. Mein Wunsch ist durchaus innig, dass du deinerseits einen erträglichen Umgang mit diesen Dingen pflegst. Bald ist es Neujahr und die Menschen schleichen sich von den Straßen.

Ach ja, mein letzter Brief ist mir peinlich, dir ein Foto von mir zu schicken, ich dachte, es sei nicht unvorteilhaft, ich muss dir ein widerliches Gegenüber sein. Aber immerhin, mein Interesse gilt dir, das würde mir umgekehrt schmeicheln, dir aber ist es unangenehm, du bist wie von Natur aus begehrt und gewohnt, dass sich Menschen dir zuwenden. Du wirbst niemals, wie fein du bist. Ich liebe deine Andersartigkeit und den Schmuck, den dein zierlicher Ohrlappen trägt. Oh, ziert er ihn denn noch?

Ich möchte den Brief nun schließen, wie man sagt, da meine Anliegen, die schwammigsten, mich erlahmen. Auch mein Stift will nicht mehr geführt werden scheint es, könnte ich ihn doch nur an dich weitergeben.

Deine Antwort wäre ein sanftes Streicheln, gleichsames Schließen meiner Augen, die geiern nachtüber.

Dass dir die Sonne nachstellt, meine Liebe.

Dein V.