Rundum den Balaton

Wie ich in einen Zug stieg, am Ufer des Balatons entlangfuhr und einige Zwischenhalte einlegte. 5- Teiler.

I

Ich stieg um drei Uhr nachmittags in einem Badeort namens Siófok aus. Ich wusste, dass nun etwas beginnen würde. Froh wieder auf Füßen zu stehen, im Zug nur gelegen, ließ ich mir zuerst freien Lauf. Dann aber suchte ich gezielt das Wasser auf, kam an, sank nieder. Glatt lag der See vor mir mit ein paar Leuten bestückt, die bis zu den Knien im Wasser standen und nicht grüßten. Im Zug, als ich zum ersten Mal den Steppensee erblickt hatte, war mir sofort übel geworden. Doch jetzt erleichterte mich der Anblick und ich rauchte sieben dick gerollte Zigaretten im Sitzen. Danach schwamm ich, trocknete in der Sonne und machte mich auf, eine Bleibe zu finden. „Bei mir ist alles voll“, sagte eine Frau mit krummen Beinen. Aber dort im Hotel „Radio-Inn“ sei es nie voll. Und sie streckte ihren Arm und ihren Zeigefinger beherzt in eine Richtung, die ich sofort einschlug. Das Zimmer bezog ich hurtig, zahlte und fraß reichlich Koteletts in einem Uferristorante. Leider ging die Sonne unter, während ich ihr nachschaute. Ich zahlte, ging und erbleichte. Ein weißes Tier von großem Umfang saß am Ufer. Wie eine Königin, die vergaß, worüber sie thronte. Sie blickte weg und stieg auf, elegant und weiß und groß. Ich wusste nun, riesige Vögel bevölkern diesen See. Doch worum handelte es sich? Ich saß noch lange am Wasser, doch mir fiel kein Name für diese Tiere ein. Dann rannte ich ins Hotel, weinte, weil ich einsam war und schlief ein.

II

Im „Radio-Inn“ waren nur wenige Zimmer belegt. So hatte man mir das 104er gegeben, in dem ich bis Mittag schlief. Zum Frühstück gab es Ei, doch ich kam zu spät. So wanderte ich mit leerem Magen ins Landesinnere. Sah Marillen- und Kirschbäume, so viele, dass ich bald zu zählen aufhörte. Am Friedhof rastete ich eine Weile, verhungerte fast und ging. Aß reichlich Brot und Käse vor einem Supermarkt. Da sah ich auf einem Spielplatz ein Kind schaukeln. Ich lockte das Kind mit dem Käse auf den Gehsteig und schaukelte dann selbst, dass der Wind wehte. Ich lachte zufrieden und sah das Kind in der Hocke den Käse verzehren. Der Spielplatz leerte sich, alles ging baden und da folgte ich den anderen ins Wasser. Nachher stand ich nackt am Ufer, doch sonst war niemand nackt. So ging ich wieder essen, Fisch mit Salat, Rotwein, schließlich Käse und Leberwurst. Neben mir saßen Landsleute aus Wien. Ich saß betrunken und mit steinerner Miene, doch immer wieder vom Witz der Landsleute getroffen krümmte ich mich und verschluckte mein Lachen. Wie ein Kind, das gekitzelt wird, sank ich kurz zusammen und richtete mich wieder auf. So saß ich als falscher Fremder noch ein Stündchen neben der Gesellschaft und verließ dann das Ristorante. Da wurde es auch schon dunkel und braungebrannte Seeleute kehrten in den Hafen ein, halfen sich gegenseitig beim Anbinden der Kähne und sprangen ins Wasser, mit einer Freude als kämen sie vom Land ans Ufer. Mit etlichen Grashalmen im Mund und den Füßen im Wasser saß ich bis Mitternacht. Ich erwartete über dem See die großen weißen Vögel, wie sie noch größere Fische aus dem Wasser rissen und in riesige Nester heimtrugen. Wie mächtig sie waren, stolz, weiß, elegant, doch der Himmel blieb schwarz. Ich kam nicht dahinter und lief ins „Radio-Inn“, wo ich bis in den Morgen die ungarischen Wasserballmeisterschaften im Fernsehen schaute.

III

Am nächsten Morgen wachte ich hungrig auf. Am Frühstücksbüffet aß ich, was es an Salami und Butter gab. Ich verließ Hut lüftend das „Radio-Inn“, sprang in den nächsten Zug und stieg an einem Ort namens Balatonszárszó wieder aus. Zur Landschaft sind nicht viele Angaben zu machen. Flach wie ein gut trainierter Bauch. Die paar Hügel, die ich sehen konnte waren am anderen Ufer und zu fern, um einen Fuß darauf zu setzen. Anders noch bei dem Weinbauern in Siófok: Als ich gerade am Zählen der Obstbäume gewesen war, hatte ich einen kleinen Haufen Erde gesehen. Ich hatte ihn in nur zwei Minuten bestiegen und hatte von oben nicht viel mehr als den Kopf des Bauern sehen können, der am Traktor gewackelt hatte und auf dessen Körper befestigt war. Doch das nur als Nachtrag. Auch in Balatonszárszó war der See flach und nirgends sah ich eine Insel oder einen Fischrücken herausragen. Doch noch einmal zurück. Die Zugfahrt war aber ein Genuss! Ich traf auf einen alten Mann mit Zöpfen neben den Ohren hängen. Wir teilten uns Schmalzbrote und Hollundersaft, wobei beides er aus der Handtasche gezogen hatte. Weil ich ihn nicht verstand, begann er Zeitung zu lesen, woraufhin ich aus dem Fenster schaute. Schöne große Vögel mit langen, dünnen Hälsen flogen vorbei und dehnten sich immer wieder im Flug, sodass sie noch länger und noch schmäler wurden. Wie weiß und stolz sie waren. Andere wiederum saßen in Rauchfängen, strickten runde Nester oder schauten dumm in die Luft. In Balatonszárszó angekommen nahm ich im Hotel „Bahnhof“ neben dem Bahnhof ein Zimmer, wusch mich gänzlich und gründlich und schlief aus Müdigkeit ein. Um Mitternacht wachte ich auf, doch wo ich schon einmal lag, wollte ich nicht wieder aufstehen. Ich schlief weitere zehn Stunden und sprang mit dem Läuten des Weckers aufgeschreckt um exakt zehn Uhr aus dem Bett und stieg um fünf nach zehn in den Zug.

IV

In Keszthely ist der Balaton zu Ende. Andere sagen, er beginne hier. Doch in Keszthely sagen sie, er sei hier zu Ende. Hier türmen sich jedenfalls die Wolken und am windigen Ufer wimmelt es von zickigen, winzigen Schwänen. Am Hauptplatz riss es mir den Hut vom Kopf und ich rannte hinterher, während es vom Kirchturm läutete. Danach dicken Kaffee getrunken und mit zwei Schinkenbroten und eingelegten, mit Sauerkraut gestopften, Gurken die Mahlzeit abgerundet. Ich fragte den Wirten, wo ich eine Herberge finden könnte. Er sprach, doch der Wind pfiff mir ins Ohr und ich hörte nichts. Später hörte ich die Masten der Schiffe aneinanderschlagen. Da saß ich am Ufer und beträufelte mein Gesicht mit Seewasser. Zu aufgewühlt war der See, ich traute mich nicht hinein. Die Weiden neigten sich in alle Richtungen und das Schilf nahm den Wind auf, dass es sang. Das wurde mir zu viel und ich kehrte in ein Gasthaus ein. Ich bestellte Schnaps und aß von einem Huhn die Brust mit Pfeffer und Salz. Eine Frau mit schmutziger Bettwäsche huschte vorbei. Ich fragte, ob es ein freies Zimmer gebe und nichts anderes war der Fall. Mein Bett roch ausgezeichnet und vom Fenster aus sah man den See. Bote mit großen, weißen Segeln flogen über die Wellen. Unzählige Enten waren in der Luft, unfähig zu landen. Fischer mit langen, schwarzen Haaren hielten ihre Angeln stolz in die Fluten, wie lange Schwänze. Da war es etwa fünf Uhr. Was sollte ich tun? Ich grübelte ungeduldig und holte schließlich Decken und Polster und richtete mir im Fensterrahmen ein Lager ein. Unter den rhythmischen Rufen der Fischer, dem klopfenden Wind, dem Kreischen bekümmerter Tiere in der Böschung und der schwarzen, dichten Himmelsdecke schlief ich ein und träumte von ebendiesen Gestalten. Am Morgen schnitt ich alle Nägel, streifte frisches Gewand über und erschien mit brüllendem Magen in der Gaststube.

V

Nach einer weiteren Zugfahrt war ich wieder am anderen Ende des Sees. Ich sprang aus dem Zug und begab mich zum Schilfgürtel, der hier geschmackvoll das Ufer zierte. Kleine, mickrige Vögel mit winzigen, farblosen Schnäbeln saßen zwischen den Halmen, doch ich ging weiter. In einem Gasthaus trank ich zwei kurze Kaffees, sodass mir die Augen leicht hervorquollen. Die Kellnerin setzte sich zu mir und fragte, ob ich mir ein Fahrrad ausborgen wollte. Ich sagte, ich wäre mit dem Zug hier und am Abend würde er hier im Ort stehenbleiben und mich heimführen. Dann ging sie zu den Leihrädern und pumpte alle auf. Wir verabschiedeten uns, wobei ich an ihr vorbeiging, wobei sie aufblickte und ich baden ging. Im Wasser traf ich auf einen großen Hund mit weißem Fell. Er schleckte mir ohne Ansage über mein Gesicht und ich kraulte von dannen. Ich wühlte mit den Händen den Sand auf, denn seicht war dieser See. Ein Gewässer für kleine, breite Menschen. Ich schwamm an einem Paar am Stegende vorbei. Sie spielten im Kuss mit ihren Zungen. Ich lachte. Wie lustig das aussah. In der Wiese schlief ich sofort ein. Aufgewacht blickte ich auf die Uhr. Ich sprach: Noch zehn Minuten bis der Zug kommt. Über dem See standen große weiße Vögel mit prächtigen Flügeln und karottenlangen Schnäbeln in der Luft. Wie elegant sie waren, prächtig und weiß. Ich blickte mich um. Alles schien jetzt zu verblassen. Die Badegäste wirkten müde. Das Paar war verschwunden. In See stach ein kleines Boot mit zwei alten Frauen darin. Hier hatte ich nichts mehr zu suchen. Ich küsste den Boden, schwang den Rucksack über und lief zur Station. Zum jubelnden Pfeifen des Zuges traf ich ein, sprang in den erstbesten Wagon und zurück ging es nach Pest.